Die Wirklichkeit begreifen

In der Philosophie gibt es verschiedene Standpunkte zum Thema Erkenntnisfähigkeit. Diese sogenannten Erkenntnistheorien beschäftigen sich mit der Frage, was es zu erkennen gibt und ob wir es erkennen können. Gibt es eine Wirklichkeit? Können wir uns selbst erkennen? Dabei wurden verschiedene Ansätze gewählt, und auch ganz verschiedene Theorien aufgestellt. Besonders viel Aktivität auf diesem Gebiet gab es, als das Weltbild durch die Erkenntnisse der modernen Naturwissenschaft kräftig durcheinander gewirbelt wurde. Plötzlich war die Erde eine Kugel, das Universum riesig und uralt, und der Mensch ein weiterentwickeltes Tier. Da liegt die Frage nahe, ob diese Erkenntnisse jetzt wirklich richtig sind, und was sonst noch erkannt werden kann.

Wahrnehmung und Wirklichkeit hängen eng miteinander zusammen. Die Wahrnehmung ist unser Tor zur Welt. Sie schafft die Verbindung zur Außenwelt, zum Kosmos. Den vertrautesten Zugang zur Wirklichkeit haben wir in der heutigen Zeit über unsere physisch-sinnlichen Wahrnehmungsorgane. Wir sehen, hören, riechen, schmecken, tasten. Diese fünf äußeren Sinne ermöglichen es uns, Naturwissenschaft so zu betreiben, wie dies in den letzten Jahrhunderten getan wurde. Sie machen die Wirkungen der Naturgesetze für uns erlebbar. Sie ermöglichen die Erforschung des Universums auf materieller Ebene. In diesem Bereich wurde in den letzten Jahrhunderten großartige und wichtige Arbeit geleistet.

Darüber hinaus haben wir weitere Sinne, die in der letzen Zeit wenig Beachtung gefunden haben. Unsere geistigen Fähigkeiten haben wir bei der Erforschung der Materie zwar immer genutzt, aber das Verständnis dieser hat wenig Aufmerksamkeit bekommen, es ist regelrecht vernachlässigt worden. Das ist durchaus so gewollt, denn das Ziel der letzten Jahrhunderte lag darin, die Welt aus der Perspektive der äußeren Sinne neu zu erobern. Der Weg von der Wahrnehmung über die Interpretation derselben hin zur Formulierung eines Naturgesetzes geht weit über unsere fünf äußeren Sinne hinaus. Wir brauchen dazu unser Denken, und alle damit verbundenen Fähigkeiten.

Dass durch große Veränderungen beim gesellschaftlich anerkannten Verständnis des Universums vermehrt Interesse an einer Erkenntnistheorie entsteht, ist nachvollziehbar. Wenn wir ein neues Weltbild auf Grundlage der äußeren Sinne bauen, dann stellt sich die Frage, was diese wahrnehmen können und wie mit diesen Eindrücken durch unser Denken ein Weltbild gebaut werden kann.

Es lohnt sich, über diese Frage lange und gründlich nachzudenken. Die äußeren Sinne liefern uns nichts, was wir direkt mit Worten beschreiben können. Erst das Denken fügt der Wahrnehmung Begriffe hinzu, und das sehr schnell. Die Begriffe sind immer mehr oder weniger präzise und mehr oder weniger passend zur Wahrnehmung. Damit kommen wir meist gut zurecht, denn die vor unsere äußeren Sinne tretenden Formen lassen sich meist zuordnen zu uns bekannten Ideen wie Baum, Wolke oder Haus. Eine exakte Beschreibung der Wahrnehmung ist dann meist gar nicht mehr nötig. Auch unsere Erinnerung nutzt die Begriffe. Wir können uns gut merken, einen Baum gesehen zu haben. Uns den Baum so zu merken wie er wirklich vor unser Auge getreten ist, mit allen Details seiner Verästelungen, ist viel schwieriger. Würde uns der Begriff fehlen, wären wir darauf angewiesen, uns so viele Details wie möglich zu merken.

Es kann ein Weltbild entstehen, das keinen Bezug zur Wirklichkeit zu enthalten behauptet. Das ist heute kein verbreitetes Phänomen mehr, dennoch soll es hier erwähnt werden. Ein Beispiel dafür ist der Skeptizismus, welcher in seiner extremsten Ausprägung die aus der Wahrnehmung gewonnene Erfahrung nicht mit Gewissheit als Ausdruck der Wirklichkeit betrachtet, sondern als Produkt des Denkens und losgelöst von der Wahrnehmung. Die Gesetze des Denkens betrachtet der Skeptiker in der Regel nicht ausreichend. Das Denken ist für die Erfahrung wichtig. Und das Denken reagiert auf Wahrnehmung. Bei genauerer Betrachtung unserer Sinneseindrücke wird erkennbar, dass diese nicht allein durch das Denken erklärt werden können, sondern durch eine existierende Wirklichkeit bewirkt sein müssen und auch einen Bezug zu dieser enthalten. Diese Erkenntnis kann jeder Mensch aus eigener Kraft selbst erreichen. Unsere Glaubenssätze können uns dabei allerdings im Wege stehen.

Das Denken geht über die physisch-sinnliche Wahrnehmung hinaus. Diese Wahrnehmung liefert uns nur einen Teil der Wirklichkeit. Den anderen Teil der Wirklichkeit erfassen wir über unser Denken. Dabei befolgt das Denken Regeln. Wir können zum Beispiel durch das Lenken unserer Aufmerksamkeit den Inhalt unserer Gedanken auswählen. Die Gesetze des Denkens, also die Art und Weise, wie wir Denken, können wir aber genauso wenig ändern wie die Gesetze der Natur. Wir können und sollten sie aber beobachten und erkennen. Kennen wir die Gesetze nicht, so sind wir auch nicht frei. Es kann dann sogar passieren, dass wir uns mit einer Idee wie Skeptizismus selbst einmauern.

Die Wirklichkeit zu begreifen bedeutet also nicht nur, die Naturgesetze zu erkennen, sondern auch die Gesetze des Denkens zu erkennen. Nur auf dieser Grundlage können wir die Gewissheit bekommen, dass das Weltbild, welches wir mithilfe unserer Sinnesorgane und unseres Denkens erbauen, der Wirklichkeit entspricht. Erst dann begreifen wir die Wirklichkeit in der nötigen Tiefe.

Schreibe einen Kommentar