Wir streben nach einem harmonischen Weltbild. Wenn wir mit einer Wahrnehmung konfrontiert werden, die wir nicht direkt einordnen können, so werden wir unruhig. Diese Unruhe bleibt so lange, bis wir die Wahrnehmung entweder einsortiert haben oder verdrängen und mit etwas Glück vergessen. Und solange kostet uns diese Unruhe Kraft. Wir streben danach, die Harmonie in unserem Weltbild und damit die Erkenntnisruhe immer wieder herzustellen. Gleichzeitig streben wir danach, unser Weltbild immer weiter auszubauen. Wenn wir jedoch ausgelastet sind, können wir dazu keine Kraft aufwenden. Werden wir dann mit unpassenden Aussagen konfrontiert, so lehnen wir die Beschäftigung mit diesen ab, weil wir wissen, dass es uns zu viel Energie kosten würde, die wir an anderer Stelle dringender benötigen. Es würde ein „zu großes Fass geöffnet“, wenn wir eine Beschäftigung mit der Aussage zulassen würden. Also bleibt das Fass zu. Dieser Vorgang kann auch unbewusst ablaufen.
Darum kann es herausfordernd sein, Glaubenssätze zu ändern. Es ist eigentlich ein einfacher Vorgang, der aber viel Energie und auch Zeit benötigt. Es ist einfach, aber nicht leicht. Erkenntnisruhe ist ein wichtiger Zustand, in dem wir uns erholen können. Auf der anderen Seite können wir uns und unser Weltbild nur dann weiter entwickeln, wenn wir es uns ermöglichen, diesen Zustand so oft wie möglich zu verlassen und über Erfahrungen und Aussagen nachzudenken, die nicht ins eigene Weltbild passen.
Bei hoher Auslastung über lange Zeit steht ein andauerndes Bedürfnis nach Erkenntnisruhe und Erhaltung der eigenen Glaubenssätze einer Weiterentwicklung des eigenen Weltbildes im Weg. Dann stagniert unsere Entwicklung, und wir werden früher oder später sehr unzufrieden. Und auch ein verdrängter Konflikt im Weltbild verbraucht im Hintergrund immer wieder Energie. Sammeln sich viele ungelöste Konflikte an, wird dieser unproduktive Energieverbrauch immer größer, und schließlich macht er uns krank. Im Idealfall ändert die Krankheit die Lebensumstände dahingehend, dass wieder Zeit und Energie frei wird für Selbsterkenntnis und die Arbeit am eigenen Weltbild, sodass die Entwicklung fortschreiten kann. Energie wird dann frei und Heilung kann einsetzen.
Ich möchte an dieser Stelle das Energiemodell nach Vera F. Birkenbihl vorstellen, weil es sehr schön veranschaulicht, warum die für unsere Weltbildarbeit nötige Energie uns nur dann zur Verfügung steht, wenn wir die dafür nötigen Bedingungen schaffen. Dieses Modell unterscheidet verschiedene Bereiche, die allesamt Energie benötigen, und diese aus einer gemeinsamen Quelle schöpfen. Diese Quelle ist unser individuelles Energiepotential. Was wir mit dieser Energie machen, ist unser Energiehaushalt. Die Bereiche haben eine von links nach rechts fallende Priorität, und wenn ein Bereich weiter links mehr Energie benötigt, dann nimmt er mehr Raum ein, der den weiter rechts liegenden Bereichen dann fehlt. Braucht ein Bereich, zum Beispiel D, mehr Energie, kann er sie nur von rechts nehmen. Ist rechts kein weiterer Bereich (der noch Energie hat), so muss der Bereich D seine Aktivitäten reduzieren. Wir müssen dann schauen, wie wir in den Bereichen A bis C Energie sparen können. Erst wenn diese Bereiche weniger benötigen, dann wird wieder Energie frei für den Bereich D. Es ist nicht möglich, dass ein Bereich sich Energie von links einfach nimmt, und mit steigendem Energieverbrauch in den linken Bereichen erlischt zunehmend das Interesse an den rechten Bereichen. Dieses Phänomen finden wir auch in der Bedürfnispyramide wieder.
A | B | C | D | E |
---|---|---|---|---|
Automatismen Körperfunktion Gesundheit | Selbstwertgefühl „Ichwertgefühl“ Zugehörigkeit | lebenslanges Lernen Neugierde Aufmerksamkeit | Arbeit Bewältigung des Alltags Instandhaltung | Arbeit an sich Konflikte lösen Weltbildarbeit Selbsterkenntnis |
Der Bereich A umfasst die benötigte Energie für unsere Körperfunktion und Gesundheit, also die automatisch ablaufenden Prozesse. Er hat die höchste Priorität und kann im Bedarfsfall (Krankheit, Stress) die gesamte Fläche einnehmen und die anderen Bereiche verdrängen. Sind wir gesund und ausgeruht, so braucht der Bereich A lediglich eine kaum spürbare Energiemenge und lässt viel übrig. Der Bereich B ist die Energie für unser Selbstwertgefühl, genauer unser Ichwertgefühl. Zweifel an uns selbst oder mangelnde Zugehörigkeit erhöhen hier den Energiebedarf. Bereich C enthält Energie für lebenslanges Lernen, mit der wir unserer Umgebung Aufmerksamkeit geben in Bezug auf den Moment, oder gerichtet auf Vergangenheit und Zukunft. Bereich D ist die für den Arbeitsalltag benötigte Energie, mit der wir uns auch um die Pflege unserer Wohnung oder anderen Besitz kümmern. Erst im letzten Bereich ist die Energie für die Arbeit an uns, für die Selbsterkenntnis und Weltbildarbeit.
Der Bereich E, die Entwicklung des eigenen Weltbildes und die Selbstverwirklichung, verfügt nur dann über die ihm gebührende Energie, wenn alle anderen Bereiche in gutem Zustand sind und keine exzessiven Energiemengen benötigen. Dieser Zustand ist nicht selbstverständlich und erfordert unseren Willen, alle Bereiche zu pflegen. Ein Mangel an Interesse im Bereich E ist also kein charakterliches Defizit, sondern ein Energiedefizit. Wenn wir bei uns oder anderen hier Interesse wecken wollen, bringt es wenig, Überzeugungsarbeit zu leisten. Wir müssen stattdessen dazu beitragen, dass die Bereiche A bis D weniger Energie benötigen. Besonders für das Lösen von Konflikten und für die Integration von Dingen, die nicht in unser Weltbild passen, braucht der Bereich E viel Energie. Diese Tätigkeit muss verweigert werden, wenn die anderen Bereiche die dafür nötige Energie nicht übrig lassen.
Ich würde dieses Modell gerne um einen Gedanken erweitern, der im zweiten Absatz schon durchklingt: Im Zustand der Erkenntnisruhe können wir uns erholen. Das impliziert, dass ein Konflikt in unserem Weltbild auch dann Energie kostet, wenn diese im Bereich A gebraucht wird. Der letzte Bereich kann also dem ersten Bereich Energie klauen. Denn im letzten Bereich finden wir unsere geistige Gesundheit, die eine noch höhere Priorität hat als unsere körperliche Gesundheit. So wie Konflikte im Körper, also körperliche Krankheit, den Energieverbrauch im Bereich A in die Höhe treiben, so treiben dauerhaft ungelöste Konflikte im Weltbild unseren Energieverbrauch in Bereich E in die Höhe. Wir können uns dazu die fünf Bereiche ringförmig angeordnet vorstellen, und die Bereiche expandieren bei Energiebedarf immer im Uhrzeigersinn.

Haben sich die Bereiche A und E über den ganzen Ring ausgebreitet und konkurrieren diese nun um Energie, gefährdet das die Gesundheit. Wir verfügen zwar über einen Schutz, der den Bereich E davon abhält, unnötig Energie aus Bereich A zu klauen. Wir verlieren dann nämlich jedes Interesse daran, etwas Neues in Bereich E aufzunehmen. Wenn sich im Weltbild jedoch schon Konflikte befinden, dann können wir diese nicht einfach vergessen – sie kosten uns auch dann Kraft, wenn diese eigentlich für die körperliche Gesundheit benötigt würde, und sie können so zu fatalen Krankheitsverläufen führen.
Es ist sehr wichtig, dass wir Konflikte in unserem Weltbild aktiv auflösen, und nicht versuchen diese zu ignorieren. Wir müssen also in den Bereichen B, C und D den Energiebedarf so gestalten, dass oft genug etwas übrig bleibt, um unser Weltbild immer wieder konfliktfrei zu machen. Lassen wir uns von äußeren Einflüssen dazu verführen, den Bereichen B bis D zu viel Energie zu geben, dann erzeugen wir einen Stau in Bereich E. Dies kann auch passieren, wenn wir gelernt haben, dass wir keine Konflikte in unserem Weltbild zugeben dürfen. Es türmen sich Konflikte auf, wir kommen nie in wahre Erkenntnisruhe. Bereich E braucht immer mehr Energie, ohne damit Konflikte zu lösen, also ohne das Weltbild zu harmonisieren. Bis irgendwann die Bereiche B, C und D gar keine Energie mehr bekommen und uns der Mangel an Energie in Bereich A in eine schwere Krise stürzt.
Dies wird im folgenden Artikel noch näher erläutert werden.
Pingback: Energie und Gesundheit – Simons Philosophie-Blog