Erkenntnis und Gewissheit

Was ist Erkenntnis? Die Verbindung einer Wahrnehmung mit einem Begriff. Wir müssen also beides haben. Die Wahrnehmung erhalten wir unmittelbar über ein Sinnesorgan. Den Begriff haben wir als erwachsener Mensch meistens bereits. Er ist abgespeichert in unserem Weltbild. Unser Weltbild ist gebaut aus vernetzten Begriffen. Häufig läuft Erkenntnis also so ab, dass wir etwas sinnlich wahrnehmen, und einen bekannten Begriff zuordnen. So erkennen wir zum Beispiel eine Tasse. Wir sind dazu in der Lage, weil wir wesentliche Merkmale der äußeren Erscheinung, also der Form einer Tasse, mit dem Begriff der Tasse verknüpft haben. So erkennen wir eine Tasse auch dann, wenn diese gar nicht vorhanden ist, aber ihre äußere Form erscheint; zum Beispiel auf einem Display. Dieses schnelle Erkennen von sinnlich wahrgenommenen Formen ist für unsere Orientierung in der Welt sehr wichtig, und es funktioniert meist mühelos. Wir erkennen bekannte Dinge blitzschnell und ohne Anstrengung, können dabei aber auch getäuscht werden.

Einfach und schnell läuft die Erkenntnis also ab, wenn wir schon einen zur Wahrnehmung passenden Begriff in unserem Weltbild haben. Schwierig wird es, wenn die Wahrnehmung zu keinem Begriff passt. Dann müssen wir einen neuen Begriff finden. In der Regel erhalten wir dabei Hilfe von Mitmenschen, die bereits passende Begriffe in ihrem Weltbild haben. Manchmal müssen wir uns den Begriff aber auch selber erarbeiten. Das bedeutet, wir müssen die zum wahrgenommenen Objekt gehörende Idee finden und einen Begriff davon in unser Weltbild einbauen. Aber auch wenn wir Hilfe erhalten, sollten wir die Idee im Anschluss immer selber finden. Ansonsten haben wir nur auswendig gelernt, aber nicht verstanden. Das ist ein heute leider weit verbreiteter Zustand, der lange gefördert wurde und auch noch wird. Beim Finden der zugehörigen Idee bedienen wir uns der Intuition. Das wird Thema eines zukünftigen Artikels sein.

Veranschaulichen wir die Wirklichkeit als Regal mit tausend Dingen, und das Bewusstsein als eine vor dem Regal stehende Person. Alle Objekte im Regal sind mit einer Beschriftung versehen, welche die zum Objekt gehörende Idee angibt. In der Wirklichkeit bilden Objekt und Idee eine Einheit. Wären diese Beschriftungen für uns direkt ersichtlich, wäre alles unmittelbar gegeben – es wäre also keine Erkenntnis nötig oder möglich. Als Erinnerung: das war der Fall, bevor die Menschen die Früchte des Baumes der Erkenntnis gegessen haben. Die Idee der Erkenntnis erfordert eine Trennung von Erscheinung und Idee. Nur dann entsteht eine Situation, in der wir diese beiden Aspekte der Wirklichkeit wieder verbinden können. Diese Verbindung in aktiv denkender Tätigkeit zu erschaffen ist die Idee der Erkenntnis.

Unsere sinnliche Wahrnehmung liefert uns also zunächst nur die äußere Erscheinungsform aller Objekte im Regal, die Beschriftung bleibt ihr verborgen. Bildlich gesprochen sind die Beschriftungen, wenn die sinnliche Wahrnehmung in unser Bewusstsein kommt, zunächst abgedeckt. Diese Beschriftung muss durch Tätigkeit unseres Bewusstseins aufgedeckt werden, um sie wahrzunehmen. Dazu dient die Intuition. Bei bekannten Dingen haben wir das (im Idealfall) bereits getan, und der Begriff ist Teil unseres Weltbildes. Wir müssen etwas unbekanntem gegenübertreten, um diese Tätigkeit wirklich zu erleben. Wenn wir etwas nicht verstehen aber unbedingt verstehen wollen, dann können wir unseren Erkenntnisdrang erleben.

Nun gibt es zwei Möglichkeiten, wie wir vorgehen können. Wenn wir die Beschriftung des Objektes im Regal wirklich aufdecken und sichtbar machen wollen, müssen wir das Objekt (das kann auch ein Vorgang sein) vorurteilslos und ausgiebig beobachten. Nur so geben wir unserer Intuition die Möglichkeit, die Beschriftung (die Idee) wahrzunehmen. Ein flüchtiger Blick wird nicht reichen. Unsere Ausdauer wird damit belohnt, dass wir Gewissheit erlangen. Betrachten wir etwas so lange und sorgfältig, dass die Intuition die zugehörige Idee finden kann, dann lassen wir die Zweifel hinter uns. Alternativ können wir einfach selbst einen Aufkleber an die Sache im Regal kleben. Damit haben wir dann auch einen Begriff zugeordnet, und können auch von Erkenntnis sprechen. Gewissheit erlangen wir so allerdings nicht.

An diese Stelle passt eine Differenzierung der Begriffe Wissen und Information. Wissen erlangen wir, wenn wir beobachten, denken, forschen. Unsere Intuition gibt uns Zugang zur Idee und zum Wissen. Wenn wir etwas denkend durchdringen und verstehen, dann freuen wir uns. Wissen berührt uns in unserem Wesen. Information hingegen bekommen wir präsentiert. Oft vergessen wir sie bald wieder, besonders wenn keine Emotion geweckt wird. Dann müssen wir auswendig lernen, zum Beispiel in der Schule. Information kann aber auch eine Wirkung haben, wir werden damit häufig in Form gebracht. Wir übernehmen mit den Zahlen, Daten und Fakten die in diesem Fall darin enthaltene emotionale Botschaft in unser Weltbild, oft ohne darüber nachzudenken. So entsteht ein Defizit an Wissen und Verständnis im jetzigen Informationszeitalter.

Ob wir uns einer Sache sicher sind, die Idee mit unserer Intuition gefunden haben, also verstanden haben, ist eine wichtige Frage. Denn nur dann kommen wir zur Erkenntnisruhe. Oft wollen wir uns einer Sache sicher sein, legen großen Wert darauf, Sicherheit auszustrahlen. Wir behaupten, wir seien uns sicher, und glauben vielleicht sogar selbst daran. Ob wir uns wirklich sicher sind, erkennen wir daran, wie wir auf Menschen mit einer anderen Überzeugung reagieren. Bleiben wir gelassen, haben wir die Sache wahrscheinlich wirklich verstanden. Werden wir unruhig, dann wissen wir, dass wir lediglich einen Aufkleber angebracht haben. Diese Unruhe kann ganz dezent sein, kann aber auch einen Drang verursachen, unser Gegenüber von der eigenen Meinung überzeugen zu wollen. Oder vor der anderen Meinung flüchten zu wollen, um dann Bestätigung bei Gleichgesinnten zu suchen. Es kann auch dazu führen, dass wir die abweichende Meinung des Gegenübers mit Defiziten bei diesem erklären wollen, und auf persönlicher Ebene angreifen, regelrecht aggressiv werden. Dann können wir uns sicher sein, dass wir die Sache, um die es geht, selbst noch nicht verstanden haben, und jede Abweichung im Außen als Gefahr für unser wackeliges Weltbild betrachten. Nichts davon wäre nötig, wenn wir die Sache selbst wirklich verstanden hätten.

Wie erlangen wir also nun Gewissheit? Indem wir darauf achten, keine Aufkleber anzubringen, sondern solange zu beobachten, bis wir wirklich entdeckt haben, worum es sich handelt. Es ist ein vermutlich utopisches Ideal, immer und überall Gewissheit zu erreichen. Wir nehmen sehr viele Dinge wahr, und müssen den Großteil davon effizient und schnell verarbeiten, um im Alltag und in der Umwelt zurecht zu kommen. Vorurteile sind eine Notwendigkeit. Dennoch sollten wir uns bei allen wichtigen Dingen mindestens einmal im Leben die Zeit nehmen, sie vorurteilslos und ausgiebig zu betrachten, bis wir sie wirklich verstehen.

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