Als ein technisch interessiertes Kind habe ich mich begeistert für Räder und Getriebe, Schienen und Lokomotiven, Motoren und Hydraulik – all dies fand und finde ich faszinierend und anziehend. Meine Interessen in der Schule waren Physik und Mathematik. Diese Welt hat mein Leben dominiert ungefähr vom siebten bis zum achtundzwanzigsten Lebensjahr. Bereits davor, mit Mitte zwanzig, begann mein Interessengebiet sich wieder zu erweitern. Auch als junger Mensch, vor der Schulzeit, hatte ich ein umfangreicheres Interesse, das auch das Lebendige und Künstlerische enthielt. Das ist mir im Verlauf meiner Entwicklung mehr und mehr abhanden gekommen. Jetzt nähere ich mich mühsam wieder an.
Als Student habe ich mich gefragt, warum es einen so drastischen ästhetischen Unterschied gibt zwischen einzelnen Gebäuden der Universität. Zum einen stehen dort wunderschöne Bauwerke, überwiegend von geisteswissenschaftlichen Fakultäten genutzt. Auf den anderen Seite gibt es auch sehr karge bis hässliche Zweckbauten, überwiegend von den naturwissenschaftlichen Fakultäten genutzt. Das konnte ich nicht nur an meiner Universität sehen, sondern auch im Ausland, zum Beispiel in Boston, Massachusetts. Es lässt sich mehr als ein Grund finden, warum das so ist. Gebäude wurden zu unterschiedlichen Zeiten errichtet, von unterschiedlichen Menschen. Die Architektur unterliegt einer Mode, die sich wandelt. Die Materialien und Maschinen für die Errichtung von Gebäuden entwickeln sich weiter. All das spielt eine Rolle. Entscheidend ist aber die Frage, ob sich die Menschen, die ein Gebäude finanzieren und bauen, für die Ästhetik des Gebäudes interessieren. Oder ob das Gebäude für sie lediglich ein Mittel zum Zweck ist, das es möglichst wirtschaftlich zu errichten gilt. Die Entscheidung, was nützlich ist, überlassen wir dabei gerne dem Geld.
Wäre der Mensch ein rein rationales Wesen, nur dem kalten Intellekt entsprechend handelnd, dann gäbe es keinen Grund, irgendetwas schön zu machen. Schön ist schließlich für die meisten etwas rein subjektives. Es gibt dennoch Menschen mit einem Interesse daran, etwas Schönes zu erschaffen. Und es gibt Menschen mit einem Interesse, etwas Schönes zu erwerben. Deswegen gestalten wir Verpackungen und sogar das ein oder andere Produkt entsprechend. Allerdings kann das auch anders motiviert sein. Und sich vom eigenen Geschmack, vom eigenen ästhetischen Urteil völlig entfremden. Dann ist es nicht mehr so wichtig, was ich schön finde, sondern was gerade in Mode ist. Womit ich dazu gehöre und meinen Erfolg präsentieren kann. Plötzlich geht es nicht mehr um Schönheit, sondern um Selbstdarstellung. Wir sind wieder beim Nutzen angekommen. Die Kleidung, das Auto soll nicht schön, sondern erkennbar neu und teuer sein. Es geht nicht um Schönheit, es geht um Status. Viele Designer haben das erkannt und legen mehr Wert darauf, etwas anders und erkennbar zu gestalten, selbst wenn nichts Schönes dabei herauskommt. Dabei hilft es, wenn “schön” als subjektiv und nicht definierbar gilt, sodass wir uns nicht weiter damit beschäftigen brauchen.
Das Thema erhält weitere Brisanz, weil wir alle einen Körper haben, und weil viele Menschen damit nicht zufrieden sind. Dabei geht es oft nicht um die Funktion des Körpers, sondern um seine Schönheit. Je enger etwas mit unserer Erscheinung verbunden ist, desto wichtiger ist uns dessen Schönheit. Und diese Bewertung knüpfen wir dann nicht nur an unser eigenes Urteil, sondern auch an das Urteil, das wir von anderen Menschen bekommen oder erwarten. Wir können dabei in eine Rolle abtauchen, die wir spielen. Uns ganz nach dem ausrichten, von dem wir glauben, dass es unseren Bedürfnissen entsprechend den größten Nutzen, die größte Anerkennung bringt. Die größtmögliche Bestätigung von Außen bringt. Und wir können dabei sehr unglücklich werden. Denn wirklich wohl fühlen können wir uns nur, wenn wir auch auf unsere eigenen Urteile und Werte Rücksicht nehmen. Wenn wir unserem eigenen Urteil vertrauen. Und dabei nicht bei unserer Erscheinung stehen bleiben, sondern uns als Mensch wertschätzen.
Menschen interessieren sich grundsätzlich für Schönheit. Das umfasst auch die Gebäude, mit denen wir uns umgeben. Geld interessiert sich aber nur dann für Schönheit, wenn jemand dafür zahlt. Das ist bei vielen Gebäuden nicht der Fall. Das Geld kommt oft aus Quellen verwaltet von Menschen, die mit dem Gebäude wenig oder nichts zu tun haben. Die Dinge, die wir selbst beruflich erschaffen, finden sich in unserem eigenen Leben oft nicht wieder. Warum also diese Dinge schön machen? Oft bleibt gar keine Zeit dafür, oft erlaubt der Job keine derartige Eigeninitiative. Solange wir für das Geld arbeiten, und nicht für die Sache selbst, werden wir keinen Grund finden. Wir verlieren schnell das Schöne aus den Augen und stürzen uns in die Nützlichkeit. Oder umgekehrt. Es wäre erfreulich, wenn es uns gelingt, Bedingungen zu schaffen, in denen wir beides immer verbinden können, wieder ins Gleichgewicht bringen können.