Erkenntnis und Kommunikation

Im Laufe der ersten Monate meiner Beschäftigung mit dem Thema ist mir aufgefallen, dass das primäre praktische Anwendungsfeld der Erkenntniswissenschaft für mich bis dahin in der Kommunikation lag. Erkenntnis ist die Verbindung von etwas sinnlich Wahrnehmbarem, eines materiellen Dinges, mit einem Begriff oder einer Idee, also etwas Geistigem. Und nur in dieser Verbindung können wir darüber reden. Wir können eine sinnliche Wahrnehmung, egal in welcher Form, ohne die Zuordnung zu bekannten Begriffen nicht beschreiben. Zum Beispiel einen Kreis. Oder einen Baum. Oder einen Menschen. Der Begriff des Kreises ist recht einfach. Wir können ihn schnell mit ein paar Basisbegriffen beschreiben, wie Punkt, Linie, Fläche, Abstand. Wenn wir eine Fläche beschreiben wollen, brauchen wir den Begriff eines zweidimensionalen Raumes. Wir haben viele Begriffe in unserem Weltbild, eingebettet in ein großes Begriffsnetzwerk, welches ständig wächst und sich wandelt so lange wir leben und lernen. Dinge werden für uns greifbar erst in der Kombination ihres materiellen und geistigen Aspektes. Wir können nichts machen mit einer sinnlichen Wahrnehmung, solange wir noch nicht die Idee haben, die dort in Erscheinung tritt. Wir können es dann noch nicht einmal beschreiben. Wir müssen vorher zumindest eine Idee bekommen, die Ähnlichkeiten hat. Wenn du zum ersten Mal ein Fahrrad siehst und die Begriffe von Kreis und Linie bereits hast, kannst du mit einer Beschreibung beginnen. Das materielle Objekt und die Idee sind in der Realität vereint, es sind zwei Seiten derselben Münze. Wir sehen eine Seite durch unsere Sinne und die andere Seite durch unser Denken. Dann müssen wir uns nur noch bewusst werden, dass wir zwei Aspekte einer Wirklichkeit erleben, die erst dann Sinn ergeben, wenn wir sie mit unserem Denken korrekt verbinden. Das geht häufig unter, weil unser Denken das Fahrrad so schnell erkennt. Wir haben diese Fähigkeit und wir sehen die Welt auf diese Weise seit den Ereignissen im Garten Eden, beschrieben im Buch Genesis. Es ist eine besondere menschliche Perspektive auf die Realität. Wir können alle Wesen, die die Welt so wahrnehmen, als Menschen bezeichnen.

Wir müssen also erst einen Eindruck mit einer Idee verbinden, was wir Erkenntnis nennen. Und dann können wir darüber reden. Darüber nachdenken. Fragen dazu stellen. Denn für Begriffe und Ideen haben wir Worte. Kommunikation basiert auf Begriffen. Diese Begriffe tauchen auf in unserem Denken, und wir verbinden sie mit unseren Sinneseindrücken. Die sinnliche Wahrnehmung ist vor der Erkenntnis, die Kommunikation ist aber immer erst nach der Erkenntnis. Es passiert sehr viel im Hintergrund, wenn wir kommunizieren. Ein Verständnis dieses Ablaufs ermöglicht es, in der Kommunikation darauf Rücksicht zu nehmen. Wir haben dann mehr Verständnis für Missverständnisse und können besser damit umgehen. Wenn ich verstehe, wie die Erkenntnis bei mir abläuft, wie ich zu Schlussfolgerungen und Meinungen komme, kann ich ein Verständnis dafür aufbauen, wie es mir möglich ist, diese Meinungen kurz loszulassen und einen Schritt zurück zu gehen. In der Folge kann ich in der Kommunikation mit anderen Menschen ebenfalls den Ursprung der Meinung meines Gesprächspartners finden. Diese Person hat andere Erfahrungen, ein anderes Begriffsnetzwerk und womöglich sogar andere Wahrnehmungen infolge einer anderen Perspektive. Anstatt Argumente zu bringen, die im Kontext meines Weltbildes Sinn machen, bei meinem Gegenüber aber keinen Halt finden können, kann ich versuchen, einen anderen Standpunkt zu verstehen und die richtigen Fragen zu stellen.

Verstehen können wir uns dann, wenn wir dieselben Begriffe haben. Und dasselbe Wort dafür verwenden. So funktioniert Sprache. Bei Worten wie Tisch oder Stuhl können wir von sehr ähnlich ausgestalteten individualisierten Begriffen in unseren Weltbildern ausgehen. Wir haben vielleicht etwas unterschiedliche Vorstellungen, aber wenn wir uns diese beschreiben, dann werden wir uns vermutlich darauf einigen können, ob es ein Tisch ist oder nicht. Bei Worten wie Liebe oder Gerechtigkeit können die Begriffe, die wir mit den Worten verbinden, auch schon mal etwas weiter auseinander liegen. Welche Begriffe wir bilden, wie wir sie in unser Weltbild einsortieren, und welche Vorstellungen wir damit verknüpfen, hängt auch von unser Weltanschauung ab. Besonders immaterielle Begriffe wie Gott oder Himmel und Hölle sind schwer zu greifen. Wir bilden uns unterschiedliche Vorstellungen. Hinter diesen Vorstellungen den eigentlichen Begriff zu sehen, das ist manchmal gar nicht so einfach. Besonders dann, wenn es in unserer Weltanschauung noch keinen Platz für die Begriffe gibt, und wir keine verwandten Begriffe haben, an die wir anknüpfen können. Das betrifft nicht nur Religion, sondern auch Politik und das Phänomen des Lebens. Was Leben ist, wie es bewirkt wird, und wie es sich in der Welt entfaltet – darüber können wir viel lesen und schreiben, und wir werden uns mit Sicherheit nicht in allen Punkten einig werden. Auch wie Macht wirklich funktioniert, und wer Macht hat, ist vielen nicht klar. Kein politisches System ist ein Selbstläufer, keines ist in sich stabil – niemand hat Macht, nur weil es so in der Verfassung steht. Es sind immer Menschen dahinter, die anordnen und ausführen. Weil wir im Bereich von Religion und Politik sehr unterschiedliche Vorstellungen und Begriffe haben, die von unseren Glaubenssätzen und unserer Weltanschauung abhängen, und trotzdem die gleichen Worte verwenden müssen, die es in der Sprache gibt, reden wir in diesen Bereichen schnell aneinander vorbei. Eine alte Weisheit ist daher, derartige Themen zu vermeiden, wenn eine lockere Atmosphäre bewahrt werden soll. Ansonsten sind wir entweder zufällig in der gleichen Blase und stimmen einander in allem zu – oder wir werden sehr tief einsteigen und viele grundsätzliche Glaubenssätze klären müssen, bevor wir einander einigermaßen verstehen und einen Streit vermeiden können. 

Oft gleichen wir Aussagen in einem Gespräch mit unserem Weltbild ab, und versuchen sie dort einzuordnen. Gelingt uns das nicht, widersprechen wir der Aussage meistens und sagen unsere Meinung. Das führt dann zu einer Diskussion. Für ein Gespräch müssten wir unser Weltbild zunächst beiseite lassen und versuchen, das Weltbild des Gegenübers besser zu verstehen. Wir müssen Fragen stellen, Annahmen zulassen, die wir vielleicht aus irgendwelchen uns mehr oder weniger bekannten Gründen ablehnen. Sehr viel hängt davon ab, was wir für ein Menschenbild haben. Wo wir unsere Aufgaben sehen. Was wir bisher erlebt haben.  Wenn wir einen Menschen wirklich verstehen wollen, müssen wir ein Interesse an seiner Stellung bezüglich dieser Fragen mitbringen.