Verehrung

Müssen wir etwas verehren oder anbeten? Oder können wir einfach im leeren Raum schweben, ohne auf einem Boden zu stehen? Du kennst vielleicht die Meinung, dass ein Machtvakuum nicht lange besteht, sondern schnell ausgefüllt wird. Solange die Menschen sich anleiten lassen, wird sich jemand finden, der dies tut. Wenn uns also gesagt wird, dass wir nichts ehren sollen außer vielleicht der Idee, dass alles und nichts verehrt werden kann, kann das funktionieren? Wäre es angemessen zu sagen, dass wir versuchen uns damit zu identifizieren, dass wir keine Identität haben?

Wenn wir Gott nicht verehren, wen oder was verehren wir dann? Einfach nur die Freiheit? Was ist Freiheit überhaupt? Wissen wir das? Oder streben wir nach etwas mehr spezifischem? Wir alle suchen nach Wahrheit, nach etwas realem. Wenn wir es in Gott nicht sehen können, wohin wenden wir uns dann? An die Wissenschaft? Die Experten? Die Regierung?

Menschen können nicht einfach existieren wie eine Blume. Wir brauchen eine Aufgabe. Einen Sinn. Wir stellen Fragen. Wir wollen wissen, was wahr ist. Wir wollen akzeptiert werden, Teil einer Gruppe sein, Teil von etwas Größerem sein. Wir wollen neue Dinge lernen, den nächsten Schritt tun, uns entwickeln, vorankommen. In unserem Streben nach Wahrheit wollen wir stets an etwas glauben. Wenn wir das nicht tun, kommen wir in eine Krise. Das können wir an uns selbst und den Menschen um uns herum beobachten. Vielleicht hast du deine Glaubenssätze schon einmal aufgeben müssen, oder kennst jemanden, der dies gemacht hat. Es ist ein anstrengender Prozess. Und wir müssen die entstehende Lücke füllen – wir müssen etwas Neues finden, an das wir glauben können. Wenn wir Glück haben, dann haben wir bereits neue Überzeugungen entwickelt, bevor unser altes Weltbild gänzlich zusammengebrochen ist. Dann können wir einen recht sanften Übergang unserer Glaubenssätze erreichen. Andernfalls gehen wir durch eine tiefere Krise. Damit verbunden ist ein gewisses Risiko, denn ohne Glaubenssätze werden wir angreifbar, und wir können leicht zum Opfer bequemer Ansichten werden, die uns eigenes kritisches Denken ersparen und zu Anhängern machen. 

Wer soll uns etwas zum Verehren geben? Etwas, woran wir glauben können, das mehr Orientierung gibt als Freiheit? Die Wissenschaft vermeidet die Fragen, die uns beschäftigen. Sie hat nicht viel zu bieten, an das wir glauben können, wenn wir nach einer Bestimmung für unser Leben suchen. In der Vergangenheit haben wir gesehen, wie Regierungen und sogenannte Experten diese Lücke füllen. Es kann allerdings als problematisch angesehen werden, wenn eine Regierung diese Aufgabe übernimmt. Es hat uns schon oft ins Verderben geführt, aber wir haben die Hoffnung noch immer nicht aufgegeben, dass wir einer starken Hand vertrauen können, die uns alles gibt, was wir brauchen. 

Das liegt zum Teil daran, dass wir uns weigern zuzugeben, dass wir etwas verehren müssen. Wenn wir das leugnen, sind wir nicht in der Lage, das Problem zu sehen. Und das Drama wird sich weiter wiederholen, wie es im Moment der Fall ist. Ich werde nicht versuchen, dich zu überzeugen, falls du das anders siehst. Aber ich möchte dich in diesem Fall ermutigen, noch einmal genau hinzusehen. Vielleicht siehst du das Problem, siehst aber keine Lösung. Weder die Wissenschaft noch die etablierte Philosophie geben uns Antworten auf unsere wichtigsten Fragen. Beide müssen den Grund für unsere Existenz noch finden. Es wird allerdings meist behauptet, dass es keinen Grund gibt, oder dass er unmöglich zu finden ist. Dass wir nicht befähigt sind, ihn zu finden. Dass er nicht existiert und ein Traum derer ist, die es nicht ertragen, ein sinnloses Leben zu leben. Wohin wenden wir uns also in unserer Verzweiflung? Geld? Freuden und Gelüste? Triebe und Drogen?

Im Wesentlichen halten wir an alten Werten fest, und das hält uns über Wasser. Wir haben noch immer Familien und Kinder. Unsere Kinder halten uns am Laufen, geben uns eine Aufgabe. Wir existieren, um weiter zu existieren. Wir treiben gleichzeitig die zu einem Selbstläufer mutierte Technik voran und hoffen, dass uns das irgendwie in eine bessere Situation bringt. Rückblickend auf das, was bisher geschehen ist, haben wir kaum Grund zu dieser Annahme. Aber die Hoffnung lebt weiter und wird unterstützt von der Idee, dass wir immer länger leben. Jedenfalls verglichen mit der Anfangszeit der Urbanisierung und Industrialisierung, die uns durch schlechte Hygiene und vergiftete Umwelt ein sehr kurzes Leben beschert hat. Und über die Zeit davor wissen wir nur wenig. Es fällt aus der heutigen Perspektive schwer, eine Entwicklung des menschlichen Charakters oder der menschlichen Fähigkeiten zu sehen. Weil viele Menschen sich ausschließlich über ihren Körper identifizieren, erscheint es als die ultimative Errungenschaft, die Lebenszeit in diesem Körper zu verlängern. Einige reiche Menschen machen den Versuch der Verlängerung der Lebensdauer des menschlichen Körpers zu ihrer Lebensaufgabe. Andere Abenteurer wollen weitere Planeten besiedeln. Solche Projekte dienen dazu, unserem Leben einen Sinn zu geben. Und aus der Perspektive eines Materialisten sind sie absolut nachvollziehbar. Erst wenn wir über den Tellerrand der modernen Weltanschauung blicken, wird die Absurdität der Ziele und der Methoden sichtbar. 

Wir brauchen also einen Sinn, aber müssen wir wirklich etwas verehren? Das hängt sicherlich vom Verständnis dieser beiden Worte ab. Die Verbindung ist unsere Weltanschauung, unsere Glaubenssätze. Und ja, wir verehren das, was uns Sinn gibt im Leben. Wir glauben daran. Wir ehren es. Wir verteidigen es. Das ist die Definition von Verehrung. Und wenn es doch noch einen kleinen Rest der Verunsicherung in uns gibt, wenn wir nicht wirklich erlebt haben, was wir predigen, dann wollen wir üblicherweise, dass alle mitmachen, dazugehören und daran glauben, sodass wir uns stets bestätigt fühlen nicht mit der Notwendigkeit konfrontiert werden, unseren Glauben anzuzweifeln. 

Für die Zukunft wäre es hilfreich, wenn wir unsere Verbindung zur Welt wieder entdecken. Wir sind so damit beschäftigt, tausende Dinge zu erreichen, wir haben uns so daran gewöhnt, die Welt nur mit den Augen zu betrachten, das wir vergessen haben, wer wir sind. Zumindest stehen wir kurz davor herauszufinden, dass unsere Augen uns nicht zeigen können, wer wir sind. Jetzt ist ein guter Zeitpunkt, die Augen zu schließen und nach Antworten zu suchen.