Die Entwicklung der Ethik

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Ethik ist nicht notwendigerweise eine unveränderliche Konstante. Sie kann sich verändern, mit den Menschen und mit der Gesellschaft. Wir erleben das auch in der heutigen Zeit. Dabei gibt es nicht nur die ständig wechselnden Vorgaben zu beobachten, was gerade politisch korrekt ist, oder welche Technologie gerade offiziell als besonders Umwelt- oder Klimafreundlich gilt und nun von allen gekauft werden soll. Es gibt auch eine etwas langfristigere Entwicklung zu beobachten, die ich sogar als weitaus bedeutungsvoller bewerten würde als die hochdynamischen politisch-sozialen Trends der Gegenwart, die mehr der Wirtschaft und der Unterhaltung zu dienen scheinen.

Vor gar nicht so langer Zeit wurde das politische und soziale Leben durch kleine und auch größere Gruppen definiert. Es gab Adels- und Königshäuser, die Welt war aufgeteilt in Fürstentümer und Königreiche, die Innerhalb der Familien stets weitergegeben wurden. Auch viele landwirtschaftliche und Handwerkliche Betriebe wurden von den Eltern an die Kinder abgegeben. Die Rolle und die Stellung der eigenen Person war stark gebunden an die Familie oder Gruppe, zu der man gehörte. Es war teilweise unüblich, sich zu mischen, es gab tiefe Gräben zwischen manchen Gruppen, zum Beispiel im Falle unterschiedlicher Konfessionen. Die Ethik war stark geprägt durch die Gruppe, wir können von einer Gruppenethik sprechen. Veranschaulicht wird das zum Beispiel in den Filmen über die italienische Mafia. Die Familie ist die Gruppe, und das Wohl der Familie ist wichtiger als das Wohl des Einzelnen. Und das Wohl einer rivalisierenden Familie ist bestenfalls egal, schlimmstenfalls wird es sogar bekämpft. Auch heute orientieren sich manche Länder mit ihrer Politik noch immer an den Werten dieser Gruppenethik. 

Nach den zwei Weltkriegen wurden Nationalismus und Patriotismus in Deutschland zu Konzepten, mit denen viele nichts mehr zu tun haben wollten. Das Volk wurde zur Bevölkerung, um so eine sprachliche Distanz zu schaffen zu der Idee einer Gruppe mit verbindenden Werten. Man wohnt halt im gleichen Land, zahlt Steuern nach Bonn oder Berlin und nicht Paris, London oder Moskau. Eine zu starke Identifikation mit der Staatsangehörigkeit gilt als sonderbar, als gefährlich, als Ausschlusskriterium. Eine derartige Bindung an eine Gruppe ist nicht erwünscht, insbesondere wenn hier die Frage der Herkunft und der religiösen Bekenntnisse mit hineingenommen wird. Diese Schwächung der Gruppenethik hat Raum geschaffen für die schnellere Entwicklung einer auf die einzelne Person gerichtete Individualethik. Der einzelne Mensch wird aus den Fesseln der Gruppe befreit, ist nicht länger eingruppiert aufgrund seiner Abstammung oder Herkunft. Das ist grundsätzlich zu begrüßen, denn die Zeit der Gruppenethik ist vorbei. Der Mensch entwickelt sich weiter.

Wir lösen uns aus der Umgebung und der Familie, in die wir geboren wurden, und gehen unabhängig davon unseren eigenen Weg durch die Welt. Alle sollen möglichst die gleiche Bildung genießen, einen beliebigen Berufe auswählen und erlernen können, und die gleichen Chancen haben, sich Macht und Geld zu erarbeiten. Es soll nicht länger an eine Gruppenzugehörigkeit gebunden sein, was die einzelne Person im Leben erreichen kann. Die Gruppe spielt keine Rolle mehr, es gibt nur noch Individuen in der Welt. Jeder schaut, was er will und wo er bleibt. Wir kümmern uns um unsere Angelegenheiten, und gerade in den Städten kennen wir meist nicht einmal mehr die Nachbarn zwei Häuser weiter. Wir sind nicht zuständig für die Stadt, in der wir wohnen, fühlen uns nicht als Bürger der Stadt, sondern als Fremder, der immer da wohnt, wo gerade der beste Job oder bezahlbarer Wohnraum zu finden ist. Wir haben uns befreit aus der Gruppe und sind zu Einzelkämpfern geworden. Das stört viele, und es gibt eine gewisse Sehnsucht nach Zugehörigkeit und Gemeinschaft.

Es wäre aber ein Rückschritt, nun wieder in die Gruppenethik zu fallen. Wir wollen uns weiter entwickeln und nicht zurück. Mit der Entwicklung der Individualethik, die durch den in der heutigen Zeit stark ausgeprägten Egoismus der Menschen ermöglicht wurde, haben wir die Gruppenethik hinter uns gelassen. Rein egoistisches Verhalten liegt auf der Leiter der menschlichen Entwicklung ebenfalls bereits hinter uns und genügt heutigen ethischen Ansprüchen auch nicht mehr. Daher kommt die Idee, wir müssten selbstlos handeln, die Dinge nicht für uns, sondern für andere tun. Das ist korrekt, wenn es richtig verstanden wird, führt aber auch schnell zu Missverständnissen und zu Frustration. Es ist nicht sinnvoll, wieder zur Gruppenethik zurückzukehren – vielmehr müssen wir die Individualethik weiterentwickeln zu einer Universalethik.

Wie soll diese Universalethik nun aussehen? Kurz gesagt bedeutet Universalethik, dass wir uns unserer Existenz als Individuum bewusst bleiben, und darüber hinaus erkennen, dass wir Teil eines allumfassenden Kosmos sind, in dem wir leben, und für den wir mit verantwortlich sind. Wir setzten uns als Individuum in ein Verhältnis zu Welt. Wir nehmen nicht länger als gehorsames Mitglied einer Gruppe am Weltgeschehen teil, und sind auch nicht länger als Einzelkämpfer nur an dem Teil des Weltgeschehens interessiert, der unmittelbar auf uns zurückfällt, sondern erkennen unsere Verbundenheit mit allem, was existiert. Wir entwickeln ein Interesse, als Individuum im Sinne des gesamten Kosmos zu handeln. Wenn du das liest, könntest du einwenden, dass unser jetziges Umfeld einem solchen Verhalten im Wege steht. Es gibt noch immer viele Anreize für egoistische Handlungen auf Kosten anderer. Das werden wir auch nicht an einem Tag ändern können. Aber mit jedem Einzelnen, der die Universalethik anstrebt und für sich umzusetzen beginnt, wird unser Verständnis von dem, was als erfolgreich uns bewundernswert gilt, sich wandeln. Aus Sicht eines Egoisten mag es nachteilig erscheinen, zu den Ersten zu gehören, die eine Universalethik vorleben – aber für die Menschen, die es tun, ist es eine Bereicherung des eigenen Lebens und der Welt als Ganzes.   

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