Der Umgang mit dem Bösen stellt für uns Menschen eine große Herausforderung dar. Wir verurteilen Dinge, die geschehen sind oder gerade geschehen, und machen uns und anderen Vorwürfe, diese Dinge nicht verhindert zu haben. Es kommt schnell zu einem Eifer, das Böse unbedingt bekämpfen zu wollen. Es entsteht ein Pflichtgefühl, das Böse in all seiner Entfaltung und Aktivität genau zu beobachten und stets darauf zu verweisen. Es etabliert sich ein Bedürfnis, dem Bösen stets Aufmerksamkeit zu schenken, und es anzuklagen. Nachrichten sorgen dafür, dass wir stets über eine Vielzahl böser Taten aus aller Welt informiert werden. Aber wohin richtet sich unsere Klage? Das Böse, mit dem die meisten Menschen sich so gern und viel beschäftigen, kommt zu ihnen über die Zeitungen und Bildschirme. Über Bücher und Berichterstattung. Es ist irgendwo da draußen, meistens weit weg, erreicht uns nur hin und wieder direkt in From erhöhter Energiepreise oder einer Maskenpflicht. Es ist ein vergebliches Bemühen, das Böse auf dem Bildschirm bekämpfen zu wollen. Wir finden dort keinen Angriffspunkt, nicht mal ein Ventil für unseren Tatendrang. Wir können nur da wirken, wo wir sind. An anderen Stellen können wir lediglich wirken lassen, zum Beispiel durch unser Geld. Heute gibt es natürlich noch andere Möglichkeiten der Fernwirkung, zum Beispiel durch ein Telefonat oder eine Video-Übertragung. So können wir selbst zum Akteur auf dem Bildschirm werden.
Menschen, die sich von der Berichterstattung des Bösen abwenden, finden sich häufig mit dem Vorwurf konfrontiert, dass sie kein Interesse haben an der Welt, ignorant und teilnahmslos seien. Dass sie ihrer Pflicht, das Leid der Welt anzuschauen und zu ertragen, nicht nachkommen. Dass sie sich nur mit angenehmen Dingen beschäftigen wollen. Oder dass sie das Böse durch ihre Ignoranz indirekt unterstützen würden. Das Gegenteil ist der Fall. Diese Denkweise wurde etabliert, um dem Bösen die Aufmerksamkeit zu beschaffen, die es braucht, um an Macht zu gewinnen und auf eine große Zahl von Menschen zu wirken. Was wir berichtet bekommen, sind die Symptome einer verirrten Welt. Der Konsum dieser Symptome ist wie Gift, und zu viel davon macht uns krank. Der Konsum unterstützt das Böse in der Welt, denn er lenkt uns ab und lässt uns weder Zeit noch Energie für eine Entwicklung, mit der wir seine Macht überwinden könnten. Unsere Aufgabe ist es nicht, in den Symptomen des Bösen zu ertrinken, sondern die Verirrung zu erkennen und wieder Orientierung zu gewinnen. Für uns selbst, und in der Konsequenz für die ganze Welt.
Eine auf die Symptome reduzierte Beschäftigung mit dem Bösen hilft niemandem. Was wir verstehen müssen, sind die Ursachen und die Aufgaben des Bösen. Die Betrachtung von Menschen in Kriegsgebieten verhindert keine Kriege, und auch unsere Empörung oder das Verbieten von Kriegen wird sie nicht verhindern. Symptome lassen sich nicht verbieten. Ich kann noch so wütend auf sie werden, kann sie noch so sehr anklagen, es wird die Sache nicht meinem Willen unterwerfen. Es wäre, als würde ich mir und allen anderen Menschen einfach verbieten, krank zu werden, um dann zu erwarten, dass wir alle den Rest unseres Lebens gesund sein werden. So lassen sich Probleme nicht lösen. Wir müssen verstehen, dass der Großteil der heutigen Berichterstattung, in Kombination mit dem Konsum derselben, kein Lösungsansatz ist, sondern ein Teil des Problems.
Wir müssen uns Gedanken darüber machen, welche Probleme wir zu unserem Problemen machen und warum. Einfach alle Probleme der Welt aufzusaugen ist keine gesunde Lebensweise und weder erstrebens- noch bewundernswert. Es gibt Menschen, die ihre Mission darin sehen, die Probleme anderer zu kommunizieren und zu verbreiten. Das kann funktionieren, wenn diese Menschen ihre Erfüllung darin finden. Wir sollten aber nicht dem Irrglauben verfallen, dass wir uns gegen das Böse wenden, indem wir den Machenschaften des Bösen einfach nur eine möglichst große Bühne geben. Denn dann sind die Zuschauenden wie gelähmt, oder fallen in blinden Aktionismus, in Anbetracht all der schrecklichen Symptome. Probleme sollten gezielt kommuniziert werden, an Stellen, die mit ihrer Verursachung, direkten Auswirkung oder Auflösung zusammenhängen. Auf zwischenmenschlicher Ebene kann natürlich auch um Mitgefühl oder Trost oder einfach um ein offenes Ohr gebeten werden.
Es gibt zwei Möglichkeiten, sinnvoll mit dem Bösen umzugehen. Wenn wir das Böse als Dunkelheit betrachten, dann haben wir die größte Wirkung nicht durch ein Anklagen dieser Dunkelheit, sondern durch das Anzünden eines Lichtes. Menschen, die in sich über eine intuitive Unterscheidungsfähigkeit von Gut und Böse verfügen, brauchen keine Zeit mit der Betrachtung oder Analyse der Dunkelheit zu verbringen. Sie können einfach Licht ausstrahlen. Sie können Gutes tun und die Welt damit besser machen.
Die andere Möglichkeit liegt in dem Bestreben, Wahrheit aus eigener Kraft zu erkennen. Wenn wir uns darum bemühen, selbst nach der Wahrheit zu suchen, und darauf verzichten, Meinungen, Offenbarungen und Ideale einfach zu übernehmen, dann werden wir auch nicht so einfach zum Spielball des Bösen. Diese Aufgabe ist schwierig, weil wir uns viele Annahmen zu eigen gemacht haben, aus denen wir im Laufe des Lebens viele Schlüsse ziehen. Wir bauen dann unser Weltbild auf einem Fundament, welches die Welt zu dem gemacht hat, was sie heute ist. Wenn wir die Welt verändern wollen, müssen wir diese Annahmen hinterfragen. Wir müssen offen dafür sein, unser eigenes Weltbild von unten herauf neu aufzubauen, bis kein Stein mehr da liegt, wo er war. Bis wir die eigenen Konflikte und Zweifel, die wir gerne verdecken und vergessen, gefunden und aufgelöst haben. Für uns selbst, und in der Konsequenz für die ganze Welt.