Wir erschaffen mit der Sprache und unserer Art, diese zu nutzen, ein starres System, welches auch unser Denken dominiert. Die Erforschung der mineralischen, unbelebten Welt, welche das primäre Bestreben der letzen Jahrhunderte war, hat uns daran gewöhnt, Sprache so zu begreifen und zu nutzen, wie es heute weitläufig der Fall ist. Dabei bilden wir klare Definitionen, scharf umrissene Begriffe, und eine präzise Ausdrucksweise, mit der eine Sache mit wenigen Worten in Gänze erfasst werden soll. Ist das erledigt, können wir das Ergebnis konservieren, zur Liste der geklärten Dinge hinzufügen und uns anderen Dingen zuwenden. So lassen sich unveränderliche, unbelebte Dinge gut greifen. Wir können sagen, was eine Kugel ist, was ein Kreis ist, was eine Linie ist, was ein Punkt ist, was ein Jahr, ein Tag, eine Sekunde ist. Wir haben fertige, feststehende Vorstellungen für diese Dinge. Damit können wir den mineralischen, den erstarrten Teil der Wirklichkeit gut erfassen. Nicht gut erfassen können wir mit diesem Denken hingegen das Lebendige, das sich stetig Wandelnde, was mit seiner vergänglichen, sinnlich wahrnehmbaren Hülle stets nur in Erscheinung tritt.
Totes Denken, oder Denken mit toten Gedanken ist ein auf die heutige Erscheinung der Sprache reduziertes Denken. In der Sprache wird das, worauf Bezug genommen wird, mit Worten zum Ausdruck gebracht, und dabei wird alles abgestumpft, was mehr ist als ein lebloses Objekt. Das bedeutet zum Beispiel, dass ich immer nur einzelne Aspekte eines Huhns hervorheben und zum Ausdruck bringen kann, wenn ich es mit Worten beschreibe. Selbst wenn ich ein Leben lang rede, werde ich damit nicht alles, was in einem Huhn zum Ausdruck kommt, in Worte verwandeln können. Auch wenn ich mir ein Hühnerei nehme, und Lage und Zustand eines jeden Atoms darin in Zahlen verwandle und aufschreibe, habe ich das Huhn damit nicht in Gänze erfasst. Ich habe lediglich einen Zustand seiner Erscheinung beschrieben. Wenn wir so denken, wie wir sprechen, und dabei nur das erfassen, was sich mit der Sprache erfassen lässt, so denken wir “tot”. Denn die Sprache kann, indem sie auf definierte Begriffe zurückgreift, nur das leblose, das mineralische akkurat erfassen. Zum Beispiel die Form und den atomaren Aufbau des Hühnereis, so wie es zu einem bestimmten Zeitpunkt existiert. Lebendigen Wesen und organischen Schöpfungen werden wir mit der Sprache nicht gerecht, wir können nur auf sie hindeuten. Im Reich des Lebendigen finden wir Gattungen und Arten. Wir erschaffen so eine Struktur, in der wir analog zum Mineralischen erfassen und kategorisieren können. Dem einzelnen Lebewesen werden wir so aber nie in Gänze gerecht. Wir haben nur eine Schublade dafür geschaffen. Wir denken in Stereotypen. In Vorurteilen. Wir heben bestimmte Merkmale heraus und vernachlässigen andere. Wir versuchen festzuhalten, was sich stetig wandelt. In einfachen, aber abstrahierten Worten: Wir dokumentieren die statische Erscheinung von etwas, was sein Wesen erst in der Bewegung zeigt.
Lebendiges Denken löst sich von den festgefahrenen Vorstellungen, von den Erwartungen, und lässt eine Entwicklung des Begriffsnetzwerks und der Begriffe zu. Es betrachtet die Begriffe selbst als etwas Lebendiges, etwas sich stetig Wandelndes, so wie auch ein Baum vom Same zum Keimling zum ausgewachsenen mächtigen Gehölz mit Blätterdach und Wurzeln nie gleich bleibt und mit keinem anderen Exemplar identisch ist, und doch stets ein Baum ist. Sobald ich mir darüber im klaren bin, dass ich mit meiner Sprache auf etwas hindeuten will, dass lebendig und sich stetig entwickelnd ist, werde ich anders damit umgehen. Ich werde mich weiter auf die Suche machen nach Worten, welche einen Aspekt, einen Zustand beschreiben. Aber ich werde nicht dem Irrtum verfallen, damit das Wesen erfasst zu haben. Und als Zuhörer sehe ich meine Aufgebe darin, dass Lebendige, auf das die Worte hindeuten wollen, in meinem Denken selbst zu finden. Eine messerscharfe Analyse der gesagten Begriffe, die mich im mineralisch-Leblosen bereits zur Sache führt, ist hier nicht ausreichend. Klare Begriffe brauchen wir auch hier, aber uns muss klar sein, dass diese Begriffe immer nur einen Aspekt, immer nur eine Erscheinung des Lebendigen widerspiegeln. Der Begriff deutet auf das Lebendige hin, enthält es aber nicht, wenn er nicht selbst lebendig ist. So wie die Sinneswahrnehmung auf den Begriff hindeutet, diesen aber nicht enthält. Wir erfassen die Begriffe und das Lebendige im Denken, nicht allein in der Wahrnehmung und auch nicht in der Sprache. Beides deutet nur auf das Wesen des Lebendigen hin.
Wenn wir annehmen, die Welt sei so, wie wir es anhand der sinnlichen Wahrnehmung erfassen, dann übersehen wir das Denken und werden wir für einige Zeit zu Materialisten. Sobald wir uns der Begriffe bewusst werden, und ihrer Erscheinung in unserem Denken, haben wir diese Phase in einem ersten Schritt bereits überwunden. Wirklich lebendig wird unser Denken aber erst dann, wenn wir erkennen, dass auch die Sprache nur einen Teil unseres Denkvermögens abbildet – auch sie liefert uns etwas, dass wir im Denken noch weiter vervollständigen können, um so Gedanken über das Lebendige zu erschaffen. Dann können wir diese wieder in Sprache kleiden und Worte finden, mit denen ein anderer Mensch im Denken wieder zu dem lebendigen Wesen findet, auf das wir hindeuten wollen.