Woher kommt Wissen?

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Als Empirismus wird gemeinhin die Theorie bezeichnet, dass alles Wissen aus der Sinneswahrnehmung gewonnen wird. Die Idee ist, dass ein Sachverhalt aus einer Beobachtung eindeutig hervorgehen soll. Die Wahrnehmung soll so ohne den Umweg über das Denken direkt zu Wissen führen. Das Denken soll übersprungen werden, weil es als subjektives Element betrachtet wird, das durch Spekulation und Phantasie von der Wirklichkeit, die es zu erfassen gilt, ablenkt. 

Der Gedanke, dass in einer Sinneswahrnehmung bereits ein Gesetz oder Begriff enthalten sei, liegt uns nahe. Wir haben sogar eine Sprache, die auf sinnlich erfassbarer Ebene, gesprochen und geschrieben, Begriffe und Gesetze darstellt. Das funktioniert allerdings nur, wenn die Sprache “verstanden” wird, also vom Denken erfasst und in Gedanken umgewandelt werden kann. Dies geschieht meist automatisch, und wir erschaffen dabei vordergründig Gedanken, welche sich der Form der Sprache bedienen. Dadurch werden wir uns der Umwandlung oft gar nicht bewusst. Wir können Gesetze und Begriffe, sogar unsere Gedanken in Papier einprägen, und auch so weitergeben. Aber das klappt nur mit entsprechender Vorbereitung, mit der nötigen Vorkenntnis – Worte in einer fremden Sprache bewirken in uns nicht die beabsichtigten Gedanken. Die Worte sind nur Platzhalter für Begriffe, die wir schon kennen müssen und an ihre Stelle setzen können. Und Sprache ist mit Verlusten verbunden, denn wir können weder alles sagen noch alles aufschrieben, was wir denken. Und Sprache kann auch limitieren, denn gerade abseits der greifbaren Dinge fehlen uns oft Worte und sogar Begriffe. Das kann zu Missverständnissen führen. 

Wir nehmen als Empiriker an, dass die sinnliche wahrnehmbare Welt durch objektive, universelle Ideen, die wir Naturgesetze nennen, bewirkt wird. Diese Gesetze wollen wir finden. Wir sagen, dass wir einen fallenden Apfel sehen. Das stimmt aber so gar nicht. Wir sehen Farben und Formen in einem Raum, sich über die Zeit verändernd. Wir sehen ein Nebeneinander und ein Nacheinander. All dies wäre völlig zusammenhanglos, wenn wir keine Erinnerung an unsere Sinneseindrücke hätten, und wenn wir diese nicht im Denken verbinden würden. Wir sehen keinen fallenden Apfel. Wir erkennen einen fallenden Apfel. Wäre unser Denken nicht beteiligt, hätte die zeitliche und räumliche Veränderung der Sinneseindrücke keinerlei Bedeutung für uns. 

Die Gesetze und Begriffe treten immer erst im Denken in Erscheinung. Sie sind ein Teil der Wirklichkeit, aber in der Sinneswahrnehmung selbst nicht zu finden. Sie werden durch das Denken hinzugefügt. Wir erkennen etwas und wollen mehr darüber wissen. Deswegen stellen wir Fragen. Bei der Suche nach Antworten kann es zu Irrtümern kommen. Und hier liegt der Wert der experimentellen Wissenschaft: Sie erlaubt, einen Gedanken zu prüfen. Wir können die Idee, die wir als mit einer Wahrnehmung zusammenhängend annehmen, auf das sinnlich Wahrnehmbare wirken lassen und zuschauen. Wenn es zu keinen Überraschungen kommt, können wir an unserem Gedanken festhalten. Er gilt als korrekt, solange er nicht als falsch bewiesen wurde.

Das Denken gibt uns Zugang zur anderen Seite der Wirklichkeit, von der ein bloßes Sinnenwesen nie etwas erfahren würde. Denken dient nicht nur dazu, die Sinnlichkeit wiederzukäuen, sondern dazu, das zu durchdringen, was den Sinnen verborgen ist. Das Produkt des Denkens ist also die “Sichtbarmachung“ der Begriffe und Gesetze, nicht deren Erschaffung. Denken ist somit eine rein formale Tätigkeit. Erkenntnis muss restlos aus der Auseinandersetzung des Denkens mit dem Gegebenen hervorgehen, ist also immer nach der Beobachtung. Wissen gründet sich also durchaus in der Sinneswahrnehmung, ist in dieser aber noch nicht enthalten. Unsere Denkfähigkeiten (Logik, Verstand, Vernunft, Intuition) trainieren wir im Umgang mit der physischen Welt. Wenn wir unser Denken soweit geschärft haben, dass wir die physische Welt erkannt haben, die mineralische Ebene erklären und manipulieren können, dann sind wir bereit für den nächsten Schritt. Dann können wir uns darum bemühen, das Organische und die Kräfte des Lebens mit unserem Denken zu erfassen. Auch hier beginnen wir mit der Beobachtung.

Die Erscheinung des Denkens ist eine Vielheit von Gedanken, verwoben und organisch verbunden. Die Vielheit macht eine Einheit (Harmonie) aus durch den Bezug aller Glieder zueinander. Alle Einzelheiten sind Teile eines großen Ganzen, das wir Begriffswelt nennen. Jeder auftauchende Gedanke will in Einklang gebracht werden mit der Harmonie der Gedankenwelt. Befinden sich alle Begriffe, über die wir verfügen, zueinander in harmonischer Übereinstimmung, so fühlen wir uns im Besitz der Wahrheit.

Unser Wissen darf sich keiner äußeren Norm unterwerfen, sondern muss aus uns heraus entspringen. Es muss von eigenen Erfahrungen ausgehend zur Erkenntnis des ganzen Universums streben. Eine wissenschaftliche Lehre darf den Menschen nicht aufgezwungen werden. Das Bedürfnis, verstehen zu wollen, muss von jedem Individuum ausgehen. Anerkennung oder Zustimmung einzufordern ist nicht Aufgabe der Wissenschaft.

Wahres Wissen gibt uns einen inneren Halt, es stärkt uns. Wissen kommt immer aus dem Denken, nie allein aus der Wahrnehmung. Bei Wissen geht es um Beziehungen, um Zusammenhänge, um Bedeutung. Erkenntnis verbindet etwas sinnlich-materielles mit etwas geistig-ideellem. Sie verbindet eine Wahrnehmung mit einem Begriff. Sie strebt nach Wahrheit und ist die Quelle unseres Wissens.

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