Drohende Übergriffigkeit

5
(1)

Die aktuelle technische Entwicklung nähert sich einem Zustand, in dem die Verwirklichung diverser dystopischer Ideen, die in vielen Büchern und Filmen bereits eindrucksvoll dargestellt werden, in greifbare Nähe rückt. Dazu gehört die Idee, dass der Mensch in all seinen Handlungen und womöglich sogar Gedanken überwacht wird. Dies war bisher nur möglich, indem Menschen sich gegenseitig überwachen. Damit war die Zwischenmenschlichkeit gewahrt und die Überwachung in ihrem Umfang sehr begrenzt. Nun scheint es möglich zu sein, dass wir durch Maschinen überwacht werden. 

Wir verbringen schon jetzt einen großen Teil unserer Zeit online, in einer Welt, die durch Maschinen bereitgestellt und überwacht wird. Auch wenn behauptet wird, dass es nicht getan wird – wir können davon ausgehen, dass alles, was wir online tun, mit wenig zusätzlichem Aufwand dort aufgezeichnet und mit uns in Verbindung gebracht werden kann. Es gibt den Trend, immer mehr von uns und unseren Handlungen und Gedanken online abzubilden, sei es der Inhalt des Kühlschranks, die Schaltung der Lampen im Haus, die Filme und Serien, die wir schauen, unser Fahrprofil im Auto, unser Aufenthaltsort – wenn wir unser Smartphone dabei haben – und natürlich auch unsere Gesundheitsakte. Auch unsere Kommunikation mit anderen Menschen geschieht zunehmend online, über die Welt der Computer. Unsere digitale Kopie wird immer umfangreicher und detailreicher, auch ohne Überwachungskameras und Gesichtserkennung. Gleichzeitig wachsen die Kapazitäten, mithilfe derer diese Daten durch sich selbst verändernde, in gewisser Weise lernende Algorithmen ausgewertet werden können. Unser digitales Abbild ist also nicht bloß ein Haufen Daten, sondern erlaubt Vorhersagen über unser Verhalten. Unser digitales Profil wird ausgewertet, Stärken und Schwächen werden gefunden. Der Computer arbeitet rund um die Uhr, um das zu erreichen, was wir oft im Alltagsstress versäumen: er beobachtet uns und versucht, unsere Motive und unseren Charakter zu benennen. Dem müssen wir zustimmen, wenn wir uns in die Welt der Computer begeben.

Wir sehen uns also einer Überwachung gegenüberstehen, die uns besser kennt als wir uns selbst kennen. Jedenfalls dann, wenn wir ein typisches, unbedachtes Leben führen, und uns nicht weiter dafür interessieren, warum wir ein Ziel verfolgen oder worin eigentlich der tiefere Sinn unseres Lebens liegt. Wenn wir uns jedoch dafür entscheiden, uns selbst genau zu beobachten, dann werden wir mehr über uns herausfinden können als unser digitales Abbild enthält. Das ist der erste Schritt in die Freiheit. Wir müssen von unserer Erkenntnisfähigkeit gebrauch machen, und diese nicht nur auf die Welt da draußen richten, sondern auch auf uns selbst. Nur wenn wir wissen, wer wir sind, können wir auch die Verantwortung für unser Leben übernehmen. Wenn wir unsere eigenen Motive nicht kennen und vor unseren eigenen Abgründen zurückschrecken, dann werden wir die Kontrolle über uns selbst mehr und mehr abgeben.

Mit der Überwachung und der immer billigeren und leistungsfähigeren Technik kommt auch die Angst vor Übergriffigkeit, im Extremfall eine vollständige Kapitulation des eigenen Willens vor der Macht der Maschinen. Etwas bekanntes, vorhersagbares ist leicht zu kontrollieren und zu steuern. Obwohl die Kontrolle unserer Gedanken und unserer Ängste durch das, was in unseren Wahrnehmungsraum kommt, bereits jetzt große Bedeutung hat, und eine Machtausübung mit physischer Gewalt weitgehend überflüssig macht, so fürchten sich doch viele vor einer gewaltsamen Kontrolle auf körperlicher Ebene. So könnten Roboter dafür sorgen, dass wir zuhause bleiben, wenn ein Computer oder eine Art von Test festgestellt hat, dass wir nicht gesund sind. Sie könnten uns zwingen, unsere Pillen und Spritzen einzunehmen. Sie könnten unser Essen rationieren und dafür sorgen, dass wir nur das essen, was das Programm als für uns angemessen ermittelt hat. Sie könnten darüber bestimmen, wie unser Haus beheizt ist, welche Hobbies wir betreiben dürfen und welche nicht, wohin wir verreisen dürfen und wohin nicht. Und wenn es uns gelingt, den Roboter, der sich um uns kümmert, zu überwältigen, dann kommt einfach der nächste und fängt uns wieder ein. Es ist eine große Sorge, dass unsere Handlungsmöglichkeiten durch körperliche Überlegenheit und übergriffiges Verhalten eines Roboters massiv begrenzt werden könnten, gesteuert von einer zentralen Verwaltung, die zu wissen glaubt, was das Beste für einen jeden Menschen ist. 

Das dies bereits passiert, indem unsere Gedanken, die ja letztlich die Ursache unserer Handlungen sind, umfassend und mit großem Geschick von außen gelenkt werden, scheint viele nicht zu stören. Denn selbst wenn ich das denke, was ich denken soll, und die Ziele verfolge, die mir präsentiert wurden, so kann ich doch die Illusion aufrecht erhalten, frei und selbstbestimmt zu sein. Das gelingt im Falle einer Unterwerfung durch physische Gewalt nicht mehr so einfach, denn dann müssten wir uns einreden, dass wir selbst das wollen, zu dem wir gezwungen werden. So kann uns die drohende Kontrolle im Physischen vielleicht darauf aufmerksam machen, dass wir unsere geistige Freiheit zu großen Teilen bereits aufgegeben haben, eingetauscht für ein bequemeres Leben. Diese sollten wir zurückgewinnen. Denn sie ist noch wichtiger als unsere körperliche Freiheit. Das bedeutet nicht, dass wir die Aufzeichnung von Daten über uns verhindern müssen, sondern lediglich, dass wir etwas Zeit investieren sollten, um uns selbst zu beobachten. Damit wir uns selbst am besten kennen.

Die gute Nachricht ist, dass wir unsere geistige Freiheit selbst dann zurückerobern können, wenn wir physisch durch äußere Kräfte eingegrenzt werden. Es geht sogar eigesperrt im Gefängnis sitzend. Und so wie jetzt die Vernachlässigung unserer geistigen Freiheit den drohenden Verlust der körperlichen Freiheit nach sich zieht, wird eine Eroberung der geistigen Freiheit auch den Gewinn von körperlicher Freiheit mit sich bringen. Freiheit ist eine Wahl, sie muss mühsam erarbeitet werden, und das geht auch in Gefangenschaft. Viele Menschen, insbesondere solche mit einer materialistischen Weltanschauung, werden an dieser Stelle ihre Zweifel haben. Um Gewissheit zu gewinnen, müssen wir erkennen, dass der Geist und die Existenz von Leben keine Produkte des physischen Körpers sind, sondern umgekehrt. Auch dies erkennen wir, indem wir unsere Erkenntnisfähigkeit auf uns selbst richten, und nicht einfach von außen gegebene Gedanken wiederkäuen. 

Wie hilfreich war dieser Beitrag?

Klicke auf die Sterne um zu bewerten!

Es tut uns leid, dass der Beitrag für dich nicht hilfreich war!

Lasse uns diesen Beitrag verbessern!

Wie können wir diesen Beitrag verbessern?

Schreibe einen Kommentar