Motivation und Arbeit

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Es wird oft als naive Wunschvorstellung angenommen, dass Menschen fleißig sein und etwas beitragen wollen, ohne durch finanziellen Druck dazu gezwungen zu sein. Es gibt die Sorge, dass ohne den Druck des Geldes ganz viele Menschen sich einfach zurücklehnen und versorgen lassen würden, und die Last der Versorgung von wenigen Schultern zu stemmen wäre. Es gibt die Sorge, dass ohne die Begrenzung durch das Geld mehr genommen würde, als nötig ist, und der Rest dann an anderer Stelle fehlen könnte. 

Die Natur lässt sich nicht bezahlen. Die Sonne scheint, ohne dafür bezahlt zu werden. Kein Lebewesen außer dem Menschen hat Geld. Pflanzen und Tiere bekommen, was sie brauchen. Beim Menschen lässt sich jedoch manchmal tatsächlich beobachten, dass er alles nimmt, was er kriegen kann. Meistens verteilt sich dieses Verhalten auf zwei Personen. Eine, die glaubt, alles nehmen zu müssen, damit der Profit stimmt. Und eine, die glaubt, möglichst profitabel anlegen zu müssen und dabei gar nicht mitbekommt, was alles genommen wird. So haben wir ein System geschaffen, das asoziales Verhalten massiv fördert. Und das geht nicht nur Investmentbänker etwas an, sondern jeden, der einfach nur das billigste Produkt kauft. Was genommen wurde, um es zu dem Preis anzubieten, sehen wir nicht. Wir fühlen uns blind. Wir passen uns an und nehmen mehr, als wir brauchen. Oder geben weniger, als wir könnten. Wir sind immer in Sorge, dass es zu einem Mangel kommen könnte, dass das eigene Kuchenstück zu klein sein könnte. Ist das angeboren oder antrainiert? Welche Ursachen, welche  Bedürfnisse, welche Erfahrungen und Glaubenssätze verbergen sich hinter diesem Verhalten?

Wir leben in einer Kultur der Angst vor dem Mangel. Und es hat sich ein Irrglaube in unserem Menschenbild etabliert. Das lässt sich auch durch Beobachtung bestätigen, wenn wir genau hinschauen. Oberflächlich betrachtend können wir zu der Überzeugung gelangen, dass Menschen mit genug Geld zum Überleben nur deshalb weiter arbeiten, weil sie noch mehr konsumieren wollen, oder im Fall steigender Preise noch besser abgesichert sein wollen. Oder, weil sie noch mehr Macht bekommen wollen, die sie mit dem Geld zu erkaufen gedenken. Untätige Menschen hingegen scheinen oberflächlich beurteilt nur deshalb nichts zu tun, weil es nicht nötig ist. Wir sehen Menschen, die versorgt werden und keine Eigeninitiative zeigen. Da liegt der Gedanke nahe, dass diese Untätigkeit darauf zurückzuführen ist, dass es keine Tätigkeit zum komfortablen Überleben braucht. Der Mangel an Motivation hat aber meist andere Gründe, die deutlich mehr Gewicht haben als ein mangelnder Zwang. Wer sein Leben betäubt oder wie betäubt auf dem Sofa, vor dem Bildschirm oder auf der Straße verbringt, hat meist eine Vorgeschichte vorzuweisen, die ihn dorthin gebracht hat. Wer keinen Platz findet und ausgegrenzt wird, und dann mit Gelddruck zur Teilnahme am System gezwungen werden soll, wird sich wahrscheinlich eher für eine Versorgung der eigenen Bedürfnisse mit illegalen Mitteln entscheiden. Dennoch gibt es den Irrtum, der Mensch sei so beschaffen, dass er zur Arbeit gezwungen werden muss. 

Wer als Erwachsener nichts beiträgt zur Gesellschaft und auch nichts beitragen will, ist nicht Opfer eines mangelnden finanziellen Drucks, sondern wird in seinem Leben Erfahrungen gemacht haben, die zu dieser Situation geführt haben. Mir ist noch kein Mensch begegnet, der als kleines Kind nur teilnahmslos dasitzen und versorgt werden wollte. Wenn es später im Leben zu dieser Situation kommt, dann haben wir uns als Mensch nicht artgerecht entwickeln können. Dann haben wir Erlebnisse durchgemacht, die uns entmutigt haben. Sind nicht ins Leben, in die Gesellschaft eingebunden worden. Wer als Kind gelernt hat, das er nichts beitragen darf, weil die Erwachsenen alles schneller und besser können, wird auch später im Leben Schwierigkeiten haben, etwas beizutragen. 

Die Art von Arbeit, die erwachsene Menschen während der Industrialisierung verrichtet haben, sei es in Bergwerken, Minen, Fabriken oder an anderen Orten, im Akkord und auf Kosten der Gesundheit, sind für Kinder noch weniger geeignet als für Erwachsene. Auch Erwachsene sollten sich davon fern halten, und die Verbreitung solcher Arbeiten nimmt mit der Entwicklung einer Industrienation auch wieder ab. Es ist deshalb gut und richtig, diese Art von “Arbeit”, die sehr an das frühere Sklavendasein erinnert, für Kinder zu verbieten. Aber an der Bewältigung des Alltags innerhalb der Familie wollen und müssen Kinder beteiligt werden, damit sie zu motivierten und produktiven Teilnehmern der Gemeinschaft heranwachsen können. 

Warum wollen wir nun Geld sehen für unsere Arbeit? Das Bezahlen von Rechnungen und die Dinge, die wir noch kaufen wollen, sind ein Grund dafür. Aber das ist nur die eine Hälfte. Selbst wenn wir alle Rechnungen bedienen können und uns alles kaufen können, was wir brauchen, so können wir dennoch unzufrieden sein mit der Menge an Geld, die wir für unsere Arbeit erhalten. Dafür gibt es einen Grund, den wir von zwei Seiten betrachten können. Zum Einen haben wir ein Bedürfnis nach Gerechtigkeit und wollen vergleichbar bezahlt werden. Die Maßstäbe können unterschiedliche sein, wir können gleiches Geld für gleiche Arbeit oder auch gleiches Geld für gleiche Qualifikation fordern. Zum Anderen haben wir ein Bedürfnis nach Anerkennung. Das gehört insofern zusammen, als dass wir uns nur mit einer als gerecht empfundenen Bezahlung auch anerkannt fühlen. Erhalten wir eine unterdurchschnittliche Bezahlung, dann fehlt uns die Wertschätzung. Wir fordern Geld, aber was wir wirklich wollen ist Gerechtigkeit und Anerkennung für unsere Arbeit. Im wirtschaftlichen Umfeld hilft Dankbarkeit allein meist nicht, wir fordern die Anerkennung in Form von Geld. Wir haben gelernt, dies zu tun. Das Geld dient nicht nur als Mittel, um das Leben zu bestreiten, sondern wir haben es auch zum Sinnbild der Anerkennung gemacht.

Das würde sich grundlegend ändern, wenn niemand bezahlt würde für seine Arbeitszeit. Wenn wir nicht unsere Zeit, unsere Denk- und Muskelkraft verkaufen, sondern das Ergebnis unserer Arbeit entweder verkaufen oder verschenken, je nach Bedarf. Das scheint auf den ersten Blick eine verrückte, absurde Idee, womöglich sogar wie ein Konzept für Scheinselbstständigkeit. Denn unser heutiges Wirtschaftsleben ist über lange Zeit auf Grundlage der bezahlten Arbeitszeit, die sich aus dem Konzept der Leibeigenschaft ableitet, gewachsen. Viele Strukturen der heutigen Wirtschaft und Industrie beruhen auf bezahlter Arbeitszeit. Das ist so allgegenwärtig und so normal, das wir gerne glauben, es ginge nicht anders. Aber es geht anders. Viele Arbeitnehmer haben schon jetzt die Überzeugung, nicht für ihre Arbeitszeit oder Arbeitskraft, sondern für das Ergebnis ihrer Arbeit bezahlt zu werden, auch wenn das formal noch nicht so ist. Es wird Zeit, dass wir unser Arbeitsleben tatsächlich so organisieren und die Sklaverei endgültig hinter uns lassen.

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