Auf der Grundlage von Sokrates, Platon und Aristoteles wird in der Spätantike die Ethik zum zentralen Projekt der Philosophen. Es steht die Frage im Vordergrund, wie der Mensch leben und sterben sollte, und worin das wirkliche Glück besteht. Mithilfe unserer Vernunft können wir uns von den zu unserer Zeit vorherrschenden Ansichten befreien. Sokrates war ein Mensch, dem dies gelungen ist. Wir können das Gewissen als die Fähigkeit, Recht und Unrecht zu unterscheiden, bezeichnen. Dazu ist jeder Mensch dank seiner Vernunft grundsätzlich in der Lage. Allerdings muss die Vernunft dafür auch genutzt werden. Alternativ kann Recht und Unrecht auch einfach erlernt, also von außen übernommen werden. Dann kann ein Konflikt mit der eigenen Vernunft entstehen, der früher oder später sichtbar wird.
Es entwickelten sich verschiedene Ansichten in Bezug zu der Frage nach dem wirklichen Glück. Obwohl Athen zur Zeit der Spätantike nicht mehr politisch dominant ist, liefern die Arbeiten der griechischen Philosophen die Grundlage für die philosophischen Strömungen in der römisch dominierten Spätantike. Vier davon sollen im Folgenden kurz vorgestellt werden.
Die Kyniker kommen zu dem Schluss, dass die sich stets wandelnde und vergänglich Welt nicht wichtig für das Glück ist. Glück wird außerhalb dieser Welt gefunden, und Macht, Vermögen, selbst Gesundheit sind dafür keine Voraussetzung. Glück ist unabhängig von weltlichen, stofflichen Dingen. Das bedeutet, wir sollten unser Glück nicht in unnötig großem Umfang von Gegenständen abhängig machen, die wir haben oder auch nicht haben. Zudem gilt es zu vermeiden, sich unnötig viele Sorgen zu machen über Dinge wie Geld oder Gesundheit. Auch das Leid derer, die erfolglos oder unersättlich nach diesen Dingen trachten, sollten wir nicht grundlos zu unserem eigenen Problem machen.
Die Stoiker sind der Überzeugung, dass alle Menschen an der Weltvernunft, dem Logos, teilhaben. Der Mensch ist eine Repräsentation des Kosmos, ein eigener Mikrokosmos von gleicher Qualität wie die Welt als Ganzes. Einen Gegensatz von Geist und Stoff lehnen sie ab, für sie gibt es nur eine Natur. Sie haben damit ein monistisches Weltbild. Die Naturprozesse folgen nach ihrer Ansicht unwandelbaren Gesetzen der Natur. Das Schicksal läuft ab entsprechend dieser Notwendigkeit und braucht nicht bejammert werden, sondern ist lediglich mit Ruhe zu ertragen. Es fällt auf, dass hier ein strenger Determinismus vertreten wird und der Mensch als unfreies Opfer der Geschehnisse, als selbst untätiges, von außen gelenktes Geschöpf erscheinen kann.
Die Epikureer sehen den Genuss von möglichst viel Lust und das Vermeiden von Leid als den Weg zu einem guten Leben. Sie bilanzieren bereits in der Antike Lust und die mit ihrer Beschaffung auftretenden Nebenwirkungen und suchen nach dem optimalen Weg der Lustmaximierung. Als Voraussetzung für Genuss sehen sie aber auch Selbstbeherrschung, Mäßigkeit und Gemütsruhe. Sie erkennen, dass eine dauerhaft ausschweifende und exzessive Lebensweise, zum Beispiel im Stil einer römischer Orgie, eine schlechte Lustbilanz ergibt. Die Begierde muss gezügelt werden, damit eine auf das gesamte Leben betrachtete Lustrechnung ihr Maximum erreichen kann. Nach dem Tod löst sich nach ihrer Ansicht die Seele mit dem Körper entsprechend Demokrits Atomlehre auf, womit die Existenz des einzelnen Menschen beendet ist.
Der Neuplatonismus baut auf der Idee auf, dass der Mensch mit Körper und Seele ein Doppelwesen ist, welches sowohl eine Sinnenwelt als auch eine Ideenwelt erlebt. Er sieht die Welt als solche jedoch als Einheit, als von einem göttlichen Wesen durchstrahlt. Wo Platon unterscheidet zwischen Sinnenwelt und Ideenwelt, da ist nun das Licht des Lebens, welches die Finsternis erleuchtet. Die Sinnenwelt ist für sie keine separate Welt an einer Höhlenwand, sondern gehört zur vom Licht erfassten Wirklichkeit. Dieses Licht kommt nicht überall mit gleicher Intensität an. Je lebendiger etwas ist, desto näher ist es am Licht. Der Mensch kann das erleben an den Bergen, Flüssen und Wäldern, an den Tieren und Mitmenschen. Am deutlichsten erlebt der Mensch das Licht jedoch in sich selbst. Hier kann er sogar mit dem Licht verschmelzen, so wie Platon beim Erleben seiner Ideenwelt.
Jede dieser Ansichten hat bis heute Relevanz. Besonders verbreitet in der heutigen Welt sind die Ansicht der Stoiker, welche gut zum modernen naturwissenschaftlichen Weltbild passt, und die Ansicht der Epikureer, welche gut zur Gestaltung des “American Way of Life” passt und besonders dann naheliegend ist, wenn die Menschen wie in der heutigen Zeit üblich viel Leid erleben und gezeigt bekommen, sowohl infolge von Irrtum und Konflikt als auch infolge von Versuchung und Krankheit.
Aus heutiger sich etwas befremdlicher und weniger pragmatisch erscheinen die Ansichten der Kyniker und der Neuplatoniker. Wer bereits Erfahrungen sammeln konnte auf dieser Welt wird vermutlich auch bemerkt haben, dass es keine Häufung von glücklichen Menschen in wohlhabenden Kreisen gibt. Die Kyniker scheinen also einen berechtigen Einwand zu erheben, wenn sie sagen, dass das Glück von weltlichen Dingen unabhängig ist. Daraus können wir zumindest schließen, dass wir das Glück aus den Augen verlieren werden, wenn wir uns im Leben allein auf den Konsum oder Besitz weltlicher Dinge fokussieren und alles Andere ignorieren oder ablehnen. Der Neuplatonismus kann uns dabei helfen herauszufinden, was es sonst noch gibt.