Aus heutiger Sicht besonders wertvoll ist die Lehre von den Ursachen, mit der sich Aristoteles intensiv beschäftigt hat. Dabei hat er eine Kategorisierung der Ursachen in vier unterschiedliche Arten vorgenommen. Heute wird hingegen meist versucht, alles auf eine Art von Ursache zurückzuführen. Mit einem solchen Ansatz ist die Welt jedoch nicht oder nur sehr schwer zu erfassen. Besonders dann, wenn wir den nicht determinierten, also den freien Aspekt der Wirklichkeit näher beschreiben wollen. Natürlich muss auch der Versuch, die Welt als rein deterministisch bewirkte Ereignisabfolge zu erklären, erlaubt sein. Wenn wir allerdings fordern, dass alles in der Welt mit diesem Ansatz erklärt werden muss, dann sollten wir das begründen können.
Aristoteles sagt, dass alle Dinge in der Welt aus einer Einheit von Stoff und From bestehen, wobei mit Stoff das Material und mit Form die Eigenschaften bezeichnet werden können. Jedes Ereignis, jede Veränderung eines Objekts wird bewirkt durch vier Ursachen. Jede dieser Ursachen ist notwendig, und nur alle vier zusammen sind hinreichend für eine Veränderung. Ist eine Ursache nicht gegeben, wird es auch zu keiner sinnlich erfassbaren Veränderung kommen. Was ist zum Beispiel die Ursache dafür, dass aus dem Hühnerei ein Küken schlüpft? Zum einen brauchen wir den Stoff, aus dem das Ei besteht. Das ist die Stoffursache. Dann muss das Material in einer geeigneten Form vorliegen, also als befruchtetes Ei. Das ist die Formursache. Zudem muss das Ei ausgebrütet werden, es muss also über einige Zeit die richtige Temperatur haben. Das ist die Wirkursache. An dieser Stelle würden die meisten Menschen heute die Ursachensuche für beendet erklären.
Aber Aristoteles fehlt hier noch ein wesentlicher Aspekt. Damit das Küken schlüpft, muss es die Absicht geben, ein Küken auf die Welt zu bringen. Im Falle eines Nutztieres würde kein Küken schlüpfen, wenn der Bauer keine Hühner hält. Die Zweckursache für das Küken ist zum Beispiel sein Nutzen für die Menschen, die davon leben. Aristoteles behauptet, das nicht nur menschlichen Handlungen eine Zweckursache zugrunde liegt, sondern allen Veränderungen in der Welt. Er unterscheidet dabei zwischen lebenden und toten Dingen, und für beide sagt die Form etwas darüber aus, welche Möglichkeiten in ihnen liegen. Aber nur in lebenden Dingen ist die Möglichkeit der selbst bewirkten Veränderung enthalten. Die seelenlosen Dinge können selbst keine Zweckursache hervorbringen, und sie können sich daher nur durch eine Einwirkung von außen verändern. Diese wurde ursprünglich durch ein lebendes Wesen in Gang gesetzt. Die Zweckursache muss also beigesteuert werden durch ein schöpferisch tätiges Wesen. Ohne ein solches Wesen kann nichts neu entstehen, und es kann auch keine kreative Veränderung stattfinden. Dies erinnert an die Worte der Bibel, mit denen der Mensch als nach dem Vorbild Gottes geschaffen beschrieben wird. Denn auch der Mensch kann Zweckursachen setzen und schöpferisch tätig sein, wenngleich er seine Fähigkeiten noch nicht so weit entwickelt hat wie der erste Beweger, den wir auch Gott nennen können. Die Menschheit hat gerade erst begonnen, schöpferisch tätig zu sein, und hat noch einen weiten weg vor sich.
Aristoteles geht also davon aus, dass nicht nur der Mensch Absichten verfolgt, sondern hinter der Welt als Ganzes ebenfalls immer und überall eine Absicht liegt. Er sagt, dass es regnet, damit die Pflanzen wachsen können und die Flüsse fließen können. Und die Pflanzen wachsen, damit wir etwas zu essen haben. In der heutigen Weltanschauung akzeptieren wir zwar, dass wir eine Tasse produzieren, damit wir daraus trinken können. Wir trinken nicht aus Tassen, weil diese infolge einer naturgesetzlichen Notwendigkeit produziert werden müssen. Wir hatten die Absicht, aus einer Tasse zu trinken, und haben sie deshalb erschaffen. Aber niemand hat nach heutigem Weltbild die Absicht, mit dem Regen die Pflanzen wachsen zu lassen. Wir glauben, der Regen sei eine ungewollte Konsequenz der Naturgesetze, weil die Welt halt zufällig hier so ist. Und aufgrund des Regens gibt es Pflanzen. Und deshalb gibt es Tiere. Und deshalb gibt es Menschen. Aber niemand hatte nach Ansicht der modernen Weltanschauung die Absicht, Menschen zu erschaffen. Es hat sich halt alles so ergeben. Es hat keinen Zweck. Wir haben Aristoteles Zweckursache verloren.
Einen Rückbezug einer auf die Zukunft bezogenen Absicht auf eine jetzige Ursache, die bei Handlungen des Menschen ganz normal ist, erlaubt die moderne Naturwissenschaft nicht. In der Physik gibt es Gesetze, keine Absichten oder Vorstellungen. Eine Ursache ist stets der Wirkung vorausgehend. Das ist auch völlig korrekt für die von Aristoteles beschriebene Wirkursache, für deren Beschreibung die Physik zuständig ist. Wir sollten nur nicht den Fehler machen zu glauben, dass wir die Welt damit vollständig erfasst haben.