Weltanschauung und Sorge

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Es begegnet mir in den letzten Jahren öfters und von verschiedenen Seiten eine Sorge infolge der Konflikte und Kriege auf der Welt, und auch in Bezug auf die Wirtschaft, die Verfügbarkeit von Rohstoffen, und natürlich den Zustand des Planeten mit Blick auf den Einfluss des Menschen. Welcher dieser Aspekte bei einzelnen Menschen im Vordergrund steht, ist sehr unterschiedlich, aber eins haben sie alle gemeinsam: Angst vor der Zukunft. 

Angst ist ein guter Schutz vor Übermut, und sie kann uns auch motivieren, Gegenmaßnahmen oder Vorbereitungen umzusetzen. Sehe ich ein empfindliches Objekt ganz nahe an der Tischkante, dann werde ich es vorsorglich etwas weiter in die Mitte stellen, damit es nicht herunterfällt im Falle einer möglicherweise in der Zukunft stattfindenden ungeschickten Bewegung. Angst ist immer dann gut, wenn sie uns zu einer Handlung motiviert, die wir direkt umsetzen können. Damit wird ein mögliches Unglück abgewendet und die Angst hat einen Sinn. Zudem verschwindet die Angst wieder, wenn ich ihre Ursache durch mein Handeln beseitigt habe.

Schwieriger wird die Sache, wenn sich meine Angst auf die Handlungen anderer Menschen bezieht. Kenne ich diese persönlich, kann ich vielleicht zumindest mit ihnen reden. Kenne ich sie nur aus dem Internet oder aus dem Fernsehen, dann wird es zunehmend schwieriger. Handelt es sich um Politiker in fernen Ländern, dann wird es ganz schwierig. Egal ob ich mich von der Bösartigkeit, der Inkompetenz, der Korruption oder der für mich unverständlichen Meinung eines fernen Politikers bedroht fühle, es wird für mich sehr schwierig, etwas an der Person, die mich beängstigt, zu verändern. Wenn ich an meinem Urteil über die Person festhalte, kann ich meine Angst nicht beruhigen und komme in einen Zustand dauerhafter Angst, die ich nur durch Ablenkung aus meinen Gedanken vertreiben kann. 

Wenn wir es nicht schaffen, aus unserer Angst eine Handlung abzuleiten, von deren Sinn wir überzeugt sind, dann fühlen wir uns ohnmächtig. Damit kommen wir eine Zeit lang gut zurecht. Auf Dauer müssen wir aber Wege finden, zumindest ganz langsam eine Veränderung zu bewirken, die unsere Angst beruhigt. Wenn wir nicht zu einer Handlung kommen, dann macht uns die Angst früher oder später krank. Dieses Wissen allein hilft uns aber noch nicht, denn jetzt kommt zu der Angst vor der düsteren oder ungewissen Zukunft der Welt sogar noch die Angst hinzu, dass meine Angst mich krank machen könnte. Die Situation ist weiter eskaliert. 

Wer die Nachrichten schaut wird mit Menschen konfrontiert, die Konflikte eskalieren und Kriege provozieren; wird mit Menschen konfrontiert, die vor kritischen Zuständen in Lieferketten, in der Energieversorgung oder im Weltklima warnen. Wer das ernst nimmt, wird Schwierigkeiten haben, keine Angst zu bekommen. Wer das ernst nimmt, wird etwas ändern wollen. Aber wie? Und wo? Sind es nicht die Politiker, die etwas ändern sollten? Sind es nicht andere Menschen, die in ihrem Verantwortungsbereich versagen und mich in der Folge mit meiner Angst leiden lassen? Also bin ich empört oder wütend über das Verhalten der Machthaber oder auch der Menschen, die ich für solche halte. Aus der Angst ist Wut gewachsen, und diese ist etwas besser zu ertragen. Aber die Angst ist nur verdeckt, und eine Lösung ist nicht in Sicht.

Meine erste Empfehlung ist immer, keine Nachrichten zu schauen. Aber das fällt vielen Menschen schwer, weil sie die Nachrichten mit der wirklichen Welt gleichsetzen, und eine Flucht vor den Nachrichten als eine Flucht vor der Wirklichkeit verurteilen. Und die Wirklichkeit wird uns doch früher oder später einholen, ob wir sie ignorieren oder nicht. Also ist es doch besser, ich schaue die Nachrichten und bin dann schonmal vorgewarnt? Die Nachrichten sind mein Fernrohr, mit dem ich die dunklen Wolken am Horizont schon sehen kann, die ich ja sonst gar nicht bemerken würde. So habe ich vielleicht die Möglichkeit, rechtzeitig alle Fenster zu  vernageln und noch einen Blitzableiter zu installieren. Vielleicht gelingt es mir sogar, die Wolken wegzupusten, wenn ich mich doll genug anstrenge. Wir werden blind für die schöne Seite der Welt, die eine Person, die keine Nachrichten schaut, viel klarer sehen kann.

Würde in den Nachrichten berichtet, dass die Blumen auf meiner Fensterbank zu verdursten drohen, dann könnte ich direkt etwas daran ändern. Die Nachrichten hätten einen Sinn, sie wären für mich hilfreich. Leider konfrontieren mich die Nachrichten stattdessen mit tausend Dingen, an denen ich nichts ändern kann. Und fast alle diese Dinge verursachen Sorge und Angst in mir. Vier Jahre Folter, um dann an der “richtigen” Stelle in der Wahlkabine ein Kreuz setzen zu können? Oder um immer “informiert” zu sein? Viele glauben auch, die Welt sei mittlerweile so beschaffen, dass ein regelmäßiger Nachrichtenkonsum einen dritten Weltkrieg verhindern kann, während ein Ignorieren der Nachriten diesen beflügeln könnte. Leider steckt ein eine nicht durchdachte Annahme oder ein Denkfehler in diesem Glaube. 

Sicherlich haben wir ein Problem, wenn die Infrastruktur zerstört wird, die uns gerade versorgt mit all den Dingen, die unser bequemes Leben ermöglichen. Vermutlich gibt es sogar Menschen, die ein Interesse an einer solchen Zerstörung haben. Vielleicht verlieren wir auch einfach irgendwann die Fähigkeit, die Infrastruktur zu erhalten. Vielleicht finden wir in den Nachrichten sogar einen Hinweis, wo es Defizite gibt, an denen wir etwas ändern können. Wir brauchen dann aber auch noch die Kraft, um selbst handeln zu können. Und die ist leichter zu finden, wenn wir die Nachrichten abschalten. Die Nachrichten präsentieren genug Probleme, um auch den stärksten Menschen darin ertrinken zu lassen, wenn er es nicht schafft, genug Distanz zu ihnen aufzubauen. 

Besonders anfällig sind wir für die Nachrichten, wenn wir das Universum für ein Zufallsprodukt und den Mensch für ein verunglücktes Tier halten. Unser Menschenbild ist wesentlich dafür, wie die Nachrichten auf uns wirken. Und um unser Verhältnis zu den Nachrichten zu ändern, ist die Arbeit am eigenen Weltbild eine Notwendigkeit. Der Zweifel an der Vollständigkeit der modernen Weltanschauung ist unsere Chance, mehr zu erkennen und Sorgen zurückzulassen.

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