Verantwortungsgefühl

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Es kann sehr stark variieren, wie sehr wir uns für etwas verantwortlich fühlen. Ob wir Verantwortung wollen oder nicht, kann sich abhängig von der Situation durchaus verändern. Es kann uns ein Pflichtgefühl antreiben, eine Begeisterung für die Sache selbst, oder auch der Anspruch, etwas Begonnenes zu Ende zu bringen, etwas Misslungenes wieder zu richten. 

Vielleicht fällt dir in deinem Umfeld auf, dass manche Menschen öfter und mehr Verantwortung übernehmen als andere. Vielleicht möchtest du gerne selbst mehr Verantwortung übernehmen oder lieber etwas Verantwortung abgeben. Neben der Frage, wie viel Verantwortung wir gerne haben wollen, spielen noch andere Aspekte eine Rolle. Es ist zum Beispiel ein verbreiteter Ansatz, Verantwortung entsprechend den Qualifikation und Fähigkeiten der vorhandenen Personen zu verteilen. Verantwortung muss dann erarbeitet und verdient werden. Es kann eine Struktur geben, in der wir uns einsortieren, hocharbeiten, und entsprechend Verantwortung zugeteilt bekommen. Im beruflichen Umfeld ist dies oft mit mehr Geld verbunden, sodass auch Menschen, die eigentlich gar nicht an Verantwortung interessiert sind, diese um des Geldes willen akzeptieren und dann mehr oder weniger gut übernehmen. 

Ob wir selbst Verantwortung übernehmen wollen, hängt von zwei Dingen ab. Zum einen ist es wichtig, wie wir unsere Fähigkeiten selbst beurteilen. Bin ich überzeugt, etwas gut zu können, oder besser zu können als die gerade aktive verantwortliche Person, dann will ich meist auch diese Verantwortung haben. Wenn ich hingegen die Situation nicht verstehe, oder nicht glaube, dass ich sie verbessern kann, dann fliehe ich vor der Verantwortung. Dieser Glaube orientiert sich stark an den Erfahrungen, die wir bisher im Leben gemacht haben. Sind schon viele Dinge geglückt, habe ich als Kind oft Anerkennung bekommen für die Dinge, die ich aus eigenem Antrieb gemacht habe, dann tendiere ich zu dem Glaube, dass es mir schon gelingen wird. Habe ich hingegen die oft die Erfahrung gemacht, dass meine Arbeit abgelehnt oder nicht geschätzt wird, dann tendiere ich zu dem Glaube, dass ich an der Sache nichts ändern kann. 

Zum anderen ist von Bedeutung, ob wir uns von der Welt gerecht behandelt fühlen, ob wir also der Überzeugung sind, dass wir genug bekommen von all den Dingen, die in der Welt verteilt werden. Das Gefühl, stets benachteiligt zu werden, ermutigt meist nicht dazu, Verantwortung übernehmen zu wollen. Das ist insbesondere der Fall, wenn mir die Hoffnung fehlt, durch die Übernahme einen gerechten Anteil bekommen zu können. Es kommt erschwerend hinzu, dass ich dann auch die Verantwortung dafür übernehmen muss, bisher zu kurz gekommen zu sein. Haben wir die Schuld dafür einmal abgeben, nehmen wir sie ungern zu uns zurück. Verantwortung ist deutlich einfacher anzunehmen, wenn ich zu der Überzeugung gelangen kann, dass bisher die Dinge im Wesentlichen gut und in meinem Sinne gelaufen sind. 

Und genau hier findet sich der Ansatzpunkt, wie wir uns aus einer Opferrolle heraus zu einer eigenverantwortlichen Person entwickeln können. Denn wie unser Leben bisher gelaufen ist, darüber urteilen wir selbst, und zwar meist anhand von Zielvorstellungen, die wir irgendwann einmal übernommen haben. Natürlich können auch andere Menschen unser Leben beurteilen, aber das hat für uns nur dann Bedeutung, wenn wir diese Urteile annehmen. Das machen wir meist nur dann, wenn wir den Menschen als Autorität akzeptieren, oder wenn wir uns in unserem bisherigen Urteil bestätigt fühlen. In seltenen Fällen hat auch ein gutes Argument eine Wirkung auf uns. Ein wichtiger erster Schritt ist die Erkenntnis, dass wir selbst unser eigenen Leben am besten beurteilen können.

In einem zweiten Schritt sollten wir auch die Kriterien, anhand derer wir unser Leben beurteilen, selbst aussuchen. Denn sie sind ganz entscheidend dafür, wie unser Urteil ausfallen wird. Nur wenn wir die die Kriterien selbst durchdacht haben, selbst hinterfragt haben, und in vollem Bewusstsein bestimmen, können wir auch ein eigenes Urteil über unser Leben fällen. Oft findet hier eine Reduzierung auf einige Kennzahlen statt, wie Einkommen, Titel, finanzielles Vermögen, oder auch die Übereinstimmung des eigenen Lebenslauf mit einer Idealvorstellung davon, wie ein Leben auszusehen hat. Auch die Vermeidung von Leid und die Maximierung von Lust und Wohlfahrt gelten oft als Erfolgskriterium. Der Vergleich mit anderen, die viel Anerkennung und Bewunderung ernten, oder die einfach nur das, was wir gerade tun, schon besser können, zementiert dann die Gewissheit, dass wir nicht gut genug sind und im Leben zu kurz kommen. 

Wer will dafür gerne selbst die Verantwortung übernehmen? Dann lieber Opfer bleiben. Solange wir davon überzeugt sind, haben wir unser Leben noch nicht verstanden. Wir vergleichen es mit dem Leben anderer Menschen, oder mit fremden Zielvorstellungen. Beides braucht für die Beurteilung unseres Lebens keine Rolle zu spielen. Wir sind als Menschen einzigartig, und wir kommen alle mit anderen Zielen auf diese Welt. Sicher gibt es Überlappungen, aber niemand kommt mit der Aufgabe, das Leben eines anderen Menschen zu kopieren. Von all den materiellen Reichtümern, die wir im Leben erlangen, können wir nichts mitnehmen. Solange ein Mensch jedoch davon überzeugt ist, selbst nicht mehr zu sein als ein Haufen Materie, wird das keine Rolle spielen. Mit diesem Weltbild können wir keinen Sinn finden. Wir müssen unser Leben in Beziehung setzen zu unseren bisherigen und zukünftigen Leben, und zur Entwicklung der Menschheit als Ganzes, um den Wert unseres Lebens erkennen und beurteilen zu können. Dieser Weg kann beginnen, sobald wir bemerken, dass wir mehr sein müssen als ein physischer Körper. Bis dahin kann es schon hilfreich sein, wenn wir in Erwägung ziehen, dass nicht unsere Besitztümer wichtig sind, sondern unsere Erfahrungen. 

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