Warum gibt es Krieg? Was glauben wir zu tun, wenn wir in den Krieg ziehen? Oder einen Krieg irgendwie unterstützen? Hinter dieser Dynamik verbirgt sich eine simple Vorstellung, und oft auch eine Täuschung. Wir können sagen, es gibt zwei Möglichkeiten, wie ein Mensch hier auf der Erde leben kann: Frei und selbstbestimmt oder gehorsam im Dienste anderer Menschen. Der gerechte Krieg ist üblicherweise der, in dem die frei und selbstbestimmt lebenden Menschen sich zur Wehr setzen gegen eine Armee von gehorsamen, die übergriffig sind und die freien Menschen dem Diktat einer zentralen Macht unterwerfen wollen.
Eine davon abgeleitete Argumentation findet sich auch in vielen Stellungnahmen zu den Kriegen, die heute von den westlichen Demokratien geführt werden: Man wolle unterdrückte Menschen aus einer Unterwerfung herausholen, sie zu freien und selbstbestimmten Menschen machen, und führe daher einen gerechten Krieg. Man ist also gar nicht direkt selbst betroffen von der Übergriffigkeit einer externen Macht, sondern zerstört sie vorauseilend und zum Wohle ihrer bisherigen Untertanen. Als Motivation dafür dient oft die Angst vor Terrorismus, der als eine aus den Diktaturen in die sogenannte “freie Welt” hinüberreichende Bedrohung dargestellt wird.
Bei einer genaueren Betrachtung stellen wir jedoch oft fest, dass wir auf beiden Seiten eine unfreie Gesellschaft vorfinden. Es kämpfen unfreie Menschen gegen unfreie Menschen. Dahinter steht kein gerechter Krieg, sondern das Machtinteresse von Herrschern. Und dennoch können die Soldaten und Unterstützer des Krieges auf beiden Seiten im Glauben sein, auf der Seite der Freiheit zu stehen. Sie leben in einer Illusion von Freiheit, spüren weder die Fäden, die sie lenken, noch die Ketten, die sie am Platz halten. Es kämpft eine Horde fremdbestimmter Menschen gegen eine andere Horde fremdbestimmter Menschen, und meist glaubt mindestens eine Seite, sich dabei für ihre Freiheit einzusetzen. Besonders davon betroffen sind viele Menschen in den bereits erwähnten westlichen Demokratien.
Eine weitere Möglichkeit für einen gerechten Krieg finden wir in dem Glauben, die Interessen einer höheren, heiligen Macht oder Gottheit durchzusetzen. Hier wird nicht für Freiheit gekämpft, sondern für die erhoffte Belohnung durch einen Gott. Oder aus einer Art Gerechtigkeitsempfinden, damit niemand von Handlungen profitieren kann, die mir im Rahmen einer Religion verboten wurden. Oder aus selbstloser Hingabe für die Durchsetzung eines höheren Willens. Es motiviert der Glaube, im Dienste der Wahrheit zu kämpfen. Solche Kriege kennen wir ebenfalls aus der Geschichte, es gibt sie schon seit langer Zeit, und auch heute treffen wir sie noch an. Allerdings sind heute die wenigsten Menschen in der Lage, mit einem Gott oder anderen höheren Wesen in direkten Kontakt zu treten. Was zu tun ist, wird daher meist alten Überlieferungen entnommen. Dabei kann auch Interpretationsspielraum und eigene Kreativität eine Rolle spielen. Grundsätzlich ist es daher problematisch, aus religiösen Gründen übergriffig zu handeln oder gar Gewalt anzuwenden. Auch gut gemeinter missionarischer Eifer darf nicht über ein Anbieten und Anpreisen hinausgehen, und muss Ablehnung akzeptieren können.
Wir finden Berichte über Kriege aus fast jeder Epoche der Menschheitsgeschichte. Auch die heiligen Schriften vieler Kulturen erzählen von Kriegen. Sie scheinen eine unvermeidliche Konsequenz der Entlassung des Menschen in die Freiheit zu sein. Auf seinem langen Weg in die Freiheit hat der Mensch den Krieg zunehmend instrumentalisiert. Feindbilder werden geschaffen, um den Zusammenhalt selektierter Gruppen zu stärken. Kriege werden geführt, um für Beschäftigung und Arbeitsplätze und Profit zu sorgen. Die Kriege, von denen die Nachrichten berichten, sind nur noch selten ein Kampf von Gut gegen Böse. Sie sind ein Ausdruck unserer Orientierungslosigkeit. Ein Ausdruck unserer Verirrungen. Eine Spiegelung der Konflikte, die wir als Menschen in uns tragen.
Kriege lassen sich nicht verbieten. Ob es Kriege gibt, hängt davon ab, ob sich genug Menschen dafür vereinnahmen lassen. Erst wenn jeder Mensch auf eigenen Beinen stehen kann, und sich in seinem Denken, Fühlen und Wollen nicht mehr der Führung eines Herrschers oder einer Regierung anvertraut, wird die Menschheit die Kriege hinter sich lassen können. Kriege werden uns also noch länger begleiten. Damit müssen wir zurechtkommen. Das Beste, was wir dagegen tun können, ist selbst zu denken, und der eigenen Wahrnehmung in der Wirklichkeit mehr Bedeutung zu geben als den Informationen, die über Radio, Fernsehen und Internet auf uns einströmen und uns so in eine Form bringen, die zu Konflikten führt. Falls du Herr der Ringe kennst: Was wir zunächst erkennen müssen ist, dass es in unserer Welt kein Auenland gibt. Wir leben alle in Mordor, auch wenn es nicht mehr so qualmt und wir es womöglich noch nicht bemerkt haben.
Dem ist hinzuzufügen, dass bis heute ein gerechter Krieg stattfindet. Dabei geht es nicht um Ressourcen oder Land oder militärische Stärke. Dieser Krieg erfordert keine klassischen Waffen und läuft ohne physische Gewalt ab. Es ist ein Krieg, der in den Köpfen aller Menschen ausgefochten wird. Wer kontrolliert unsere Gedanken? Sind wir es selbst, oder ist es eine äußere Macht? Wenn wir es nicht schaffen zu kontrollieren, was wir denken, wenn wir einfach aufnehmen, was uns gezeigt wird, und dann unsere Gedanken darum kreisen lassen, dann werden wir eine Figur im Spiel anderer Menschen. Dann sind wir nicht frei. Der Krieg für die Freiheit findet nicht auf einem Schlachtfeld in einem weit entfernten Land statt. Im Gegenteil, die militärisch geführten Kriege in der Welt sind ein Versuch, unseren Kopf mit Gedanken zu füllen, die uns ablenken, verängstigen und unfrei machen. Der Krieg für die Freiheit hat sein Schlachtfeld in unseren Köpfen. Wir müssen uns verteidigen gegen die, die unsere Gedanken zu kontrollieren versuchen, und wir sollten uns dabei gegenseitig unterstützen. Sodass wir irgendwann wieder ein Auenland erschaffen können. Die Möglichkeit, dies zu tun, haben wir nur hier auf diesem Planeten lebend.