Die Wahrheit, oder viel mehr das, was wir dafür halten, ist eng verbunden damit, woran wir glauben. Woran wir glauben richtet sich gerne daran aus, woran wir gewohnt sind, was wir schon kennen und was uns vertraut ist. Vertrauen spielt eine große Rolle für die Antworten, die wir auch unserer Suche nach Wahrheit finden können. Meist durchleben wir eine Entwicklung während des Lebens, die auch die Ausrichtung unseres Vertrauens umfasst. Nicht jeder Mensch geht diese Entwicklung während eines Lebens bis zum Ende. Es kann Gründe geben, warum wir irgendwann stehen bleiben und nicht mehr weiterkommen.
Als kleines Kind entwickeln wir unseren Körper, unsere Koordinationsfähigkeit. Wir lernen greifen, laufen, sprechen und auch denken. Dies erreichen wir durch Nachahmung, und die Frage nach der Wahrheit stellt sich meist noch nicht. Wir nehmen die vorgelebten Tatsachen hin und hinterfragen sie nicht. Auch nach der Einschulung orientieren wir uns zunächst weiter an den Bezugspersonen, die wir haben. Sie geben uns durch ihre Autorität die Orientierung, die wir als Kind brauchen. Und wenn wir das Glück haben, in einem gesunden Umfeld aufzuwachsen, dann verhalten sich unsere Autoritätspersonen konsequent und vernünftig genug, sodass wir die Wahrheit ihrer Taten und Worte nicht anzweifeln brauchen und wollen. Das ändert sich zumeist mit Beginn der Pubertät. In diesem Alter entwickelt sich, wenn unsere Kindheit altersgerecht durchlebt wurde, die eigenen Urteilsfähigkeit. Die Makel und Schwächen der Menschen um uns herum beginnen uns aufzufallen, und wir werden auf uns selbst zurück geworfen. Es ist eine schwierige, oft einsame Zeit, in der wir uns zum ersten Mal aus eigener Kraft in der Welt orientieren müssen. Mit Beginn der Pubertät beginnt die Zeit der Wahrheitssuche, die dann im Idealfall ein Leben lang weitergeht.
Allerdings ist die Welt ein recht chaotischer Ort, und die Entwicklung der Menschen hier ist nicht immer geradlinig. Auch wenn wir als Teenager zumeist eine gewisse Urteilsfähigkeit herausbilden, lassen wir es oft nicht zu, dass ein eigenes Urteil mit der Aussage einer Autorität in Konflikt steht. Wir verwerfen dieses Urteil, reden uns ein, dass wir uns geirrt haben müssen. Dass uns etwas fehlt, um selbst richtig urteilen zu können. Wir verlieren das Vertrauen in unsere Urteilsfähigkeit, oder bilden erst gar kein Vertrauen in diese aus. So bleiben wir gebunden an die Autoritäten, und fühlen uns zugehörig zu all denen, die an die gleiche Autorität glauben. Diese Autorität anzubieten hat der moderne Staat mit seinen Universitäten, Medienhäusern und Politikern zu seiner Aufgaben gemacht. Er benennt Experten und lässt Wahrheiten verkünden. Wahrheit wird so für viele Menschen ihr ganzes Leben lang durch eine außerhalb ihrer eigenen Vernunft liegenden Autorität vorgegeben.
Gleichzeitig werden uns viele gute Gründe gegeben, warum andere Menschen die Wahrheit besser kennen als wir, sodass wir uns nicht dafür zu schämen brauchen, die Aussagen anderer Menschen als Wahrheiten zu akzeptieren, ohne sie wirklich zu verstehen. Haben wir uns dann noch damit abgefunden, die Aussagen nicht selbst überprüfen zu können, dann begeben wir uns vollständig in die Obhut der Autorität. Unser Vertrauen in die eigene Urteilskraft, unsere eigene Suche nach Wahrheit kommt zum Erliegen oder wird auf einen eng umgrenzten Beriech reduziert. An die großen Zusammenhänge wagen wir uns nicht heran. Warum auch? Große Namen in der Philosophie sind zu dem Schluss gekommen, dass der Mensch keine Antworten finden kann auf die wirklich großen Fragen. Also richten wir uns ein in unserer Ecke, liefern vielleicht den ein oder anderen neuen Gedanken für unser Fachgebiet, und lassen uns ansonsten darüber informieren, wie die Welt beschaffen ist.
Der Wahrheit werden wir damit aber nicht gerecht. Und auch unserem eigenen Potential werden wir damit nicht gerecht. Sicher, die Welt ist groß, und es gibt eine schier grenzenlose Menge von Behauptungen, die wir unmöglich alle auf ihre Wahrheit prüfen können. Wer hat wann was mit wem und warum? Wir wissen es oft nicht. Und dann entflammt ein Krieg scheinbar auf der Basis einer solchen Behauptung, und tausende von jungen Menschen geben ihr Leben. Und wer hat nun recht? Was ist die Wahrheit? Was soll ich tun? Die Wahrheit scheint, wenn ich den Autoritäten nicht glauben darf, unerreichbar. Wir sind verwirrt und vom Wesentlichen abgelenkt. Wir sollen Stellung beziehen in Konflikten, die als für uns bedeutsam dargestellt werden, aber letztlich außerhalb unserer Reichweite liegen und nicht unsere eigenen Konflikte sind. Im direkten Umgang mit einem Menschen kann ich, wenn ich über die nötige Reife und Erfahrung verfüge, auf die Person eingehen und schließlich eine Einschätzung vornehmen, wie ich die Beziehung fortführen möchte. Im direkten Umgang mit einer Person oder einer Sache kann ich Wahrheiten finden, wenn ich genau, geduldig und vor allem ergebnisoffen, unvoreingenommen beobachte. Das für sich genommen ist schon eine Herausforderung. Dafür brauchen wir Zeit, die uns fehlt, wenn wir uns von meist schwer oder gar nicht überprüfbaren Informationen vereinnahmen lassen, die nur indirekt, gefiltert und verzerrt über die Medien zu uns gelangen. Diese sollten wir so weit wie möglich auf Distanz halten, und uns den Wesen und Dingen zuwenden, die uns wahrhaftig begegnen, die wir selbst wahrnehmen und beobachten können, mit denen wir interagieren können.