Urteil und Konflikt

5
(1)

Ob wir uns mit einem Konflikt konfrontiert sehen oder nicht ist abhängig von unseren Urteilen. Solange wir nicht urteilen, bemerken wir auch keine Konflikte. Allerdings können wir gar nicht verhindern, dass es in uns zu Urteilen kommt. Sie entstehen auch unbewusst, ohne das wir uns aktiv darum bemühen. Wir können versuchen, sie zu übersehen. Oder näher hinschauen und ergründen, woher das Urteil kommt und warum wir es gefällt haben. Dann können wir auch bewusst dieses Urteil widerlegen und neu urteilen. Wenn wir zu dem Schluss gelangen, dass es irgendwo einen Widerspruch gibt, dass etwas nicht zusammenpasst, dann gibt es verschiedene Möglichkeiten, damit umzugehen. Wie wir vorgehen ist auch davon abhängig, was wir für eine Persönlichkeit ausgebildet haben, wie unser Charakter beschaffen ist. 

Mit wenig Vertrauen in die eigenen Denkfähigkeiten führen wir den Konflikt oft zurück auf unsere Unfähigkeit, den Sachverhalt zu verstehen. Dabei können wir es dann belassen und einfach glauben, was gesagt wird. Davon ausgehen, dass beides irgendwie stimmen wird. Den Konflikt einfach ablehnen. Schwierig wird es nur, wenn wir nicht mehr wissen, wie wir handeln sollen, weil unterschiedliche Vorgaben unterschiedliche Handlungen verlangen. In diesem Fall bietet es sich an, wenn möglich, zunächst nichts zu tun und eine Autorität zu fragen, die dann eine Anweisung geben kann. 

Eine pragmatische Lösung sieht so aus, dass wir uns stets so verhalten, wie es die aktuelle Umgebung erfordert. Dieses Verhalten beobachten wir bei fast allen Kindern. Sie kennen die Regeln zuhause, kennen die Regeln im Kindergarten oder in der Schule, kennen die Regeln bei den Großeltern, und verhalten sich überall entsprechend anders. So kommt es meist gar nicht zu Konflikten, denn Kinder haben nicht den Anspruch, dass überall die gleichen Regeln gelten. Auch wenn sich Regeln ändern, können Kinder sich daran anpassen. Zu häufige Regeländerungen oder inkonsequentes Verhalten überfordert aber auch Kinder, und dann geraten sie in einen Konflikt, und wissen nicht länger, wie sie sich verhalten sollen. 

In den beiden zuvor beschrieben Fällen legen wir keinen großen Wert auf die Verteidigung unserer eigenen Urteile. Entweder sind wir noch zu jung, uns mit eigenen Urteilen der Welt entgegen zu stemmen, oder wir haben nicht gelernt, unseren eigenen Urteilen zu vertrauen. Womöglich haben wir erlebt, dass wir belohnt werden, wenn wir das nicht tun. Vielleicht wurden wir sogar dafür bestraft, unsere eigenen Urteile auszusprechen oder ihnen entsprechend zu handeln. Also haben wir es uns abgewöhnt, um Konflikte zu vermeiden. Die Entwicklung eines Menschen sieht jedoch vor, dass er in der Pubertät damit beginnt, eigene Urteile zu bilden und auch entsprechend zu leben. In diesem Lebensabschnitt haben wir meist die Kraft, uns den Eltern und der Welt gegenüber zu stellen und mit unseren eigenen Urteilen eigene Vorstellungen von der Welt zu bilden. Wir gestalten unser eigenes Weltbild. An der ein oder anderen Stelle geraten wir damit in Konflikt, und wir lernen uns abzugrenzen. 

Erst durch diese Abgrenzung bringen wir uns in eine Lage, in der wir Vertrauen gewinnen können zu unserer eigenen Urteilskraft. Wir treten mit unseren Urteilen in einen Austausch mit der Welt, und dabei haben wir Erfolg oder wir scheitern. Anhand dieser Erfahrung lernen wir, unser Weltbild wird umfangreicher. Mit jedem Scheitern werden wir aufgefordert, unser Weltbild anzupassen, um beim nächsten Versuch weiter zu kommen. Dabei fällen wir stets Urteile, die als Vorstellung zu unserer Erfahrung hinzukommen. Sind wir aktiv, so bemerken wir eine Lernkurve, und vertrauen der eigenen Fähigkeit zu urteilen und zu denken

Geraten wir nun in einen Konflikt, dann haben wir den Anspruch, ihn aufzulösen. Wir sind überzeugt, die Wahrheit erkennen zu können, und wollen ein wahrhaftiges Weltbild erschaffen. Wenn etwas wahr ist, dann muss es sich verbinden lassen mit unserem Weltbild, muss ein stimmiges Gesamtbild ergeben. Dabei lernen wir stet dazu. Wir müssen also auch alte Vorurteile, die sich in unserem Weltbild finden, hinterfragen und loslassen können. Es scheitern viele daran, ihr Weltbild der Realität näher zu bringen, weil sie immer nur Steine oben hinzufügen wollen, und sich weigern, Steine am Fundament auszutauschen. Das kann mit viel Arbeit verbunden sein, denn manchmal passen die oberen Steine nicht mehr zum neuen Fundament, sodass wir große Teile neu bauen müssen. 

Es lohnt sich aber immer, einen Konflikt zu lösen, selbst wenn wir dabei unser gesamtes Weltbild auf den Kopf stellen müssen. Selbst wenn wir ganz viele Urteile neu überdenken müssen. Ein Weltbild, mit dem wir unsere Konflikte nicht lösen können, steht uns nur im Weg. Wir sollten uns nicht daran klammern. Wir haben dabei nur unseren Komfort und unsere Bequemlichkeit zu verlieren, und können sehr viel gewinnen. Wir können eine völlig neue Welt entdecken und ein neues Leben beginnen.

Wie hilfreich war dieser Beitrag?

Klicke auf die Sterne um zu bewerten!

Es tut uns leid, dass der Beitrag für dich nicht hilfreich war!

Lasse uns diesen Beitrag verbessern!

Wie können wir diesen Beitrag verbessern?

Schreibe einen Kommentar