Vorwärts und Rückwärts

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„Es ist ganz wahr, was die Philosophie sagt, dass das Leben rückwärts verstanden werden muss.
Aber darüber vergisst man den andern Satz, dass vorwärts gelebt werden muss.“

Søren Kierkegaard (1813–1855)

Viele Tatsachen, mit denen wir konfrontiert werden, verstehen wir zunächst nicht. Wir empfinden sie als ungerecht, als Zumutung. Entweder halten wir sie für Zufallsprodukte und bedauern unser Pech, oder wir verstehen sie als Strafe und ertragen unser Leid. Oft zeigt sich erst rückblickend, welche Möglichkeiten uns eine Situation gebracht hat. Wie wir daran gewachsen sind, zu einem besseren Menschen geworden sind. Die Dinge anzunehmen, die uns widerfahren, obwohl wir sie nicht selbst herbeigeführt haben, oder zumindest nach bestem Wissen und Verständnis nicht selbst gestaltet haben, kann sehr schwierig sein. Manche Menschen begegnen weniger Schicksalsschlägen, sind mit einem gesunden und attraktiven Körper beschenkt, andere Menschen leben ein deutlich anspruchsvolleres Leben. Aber auch unabhängig von diesen offensichtlichen Merkmalen kann ein Leben einfach oder auch sehr schwierig für einen Menschen sein. Wer ihn nicht hat, wäre über einen gesunden Körper sicherlich sehr glücklich. Bin ich an gute Gesundheit gewöhnt, nehme ich den Körper jedoch kaum wahr, und finde womöglich tausend andere Probleme, die mir das Leben schwer machen. Wie viele Schwierigkeiten ein Mensch hat, unterscheidet sich oft gewaltig von der Vorstellung eines Anderen, der glaubt, all seine Probleme wären gelöst, wenn er solch gute körperliche oder finanzielle oder sonstige Vorraussetzungen hätte. 

Sicherlich ermöglichen die Merkmale, die uns gegeben wurden, nicht all die Lebenswege, die wir bei anderen Menschen in der Welt beobachten. Aber wir sind nicht hier, um dauerhaft das Leben eines anderen Menschen nachzuahmen, selbst wenn es uns sehr attraktiv erscheint. Wir sind hier, um unser eigens Leben zu leben, unsere eigenen Aufgaben zu meistern. Das gelingt einfacher, sobald wir die Welt besser verstehen und wieder vertrauen zu ihr aufbauen. Nicht länger glauben, alles sei nur Zufall. Dann werden wir auch das Vertrauen gewinnen, dass wir genau die richtigen Merkmale erhalten haben, um unsere Aufgaben in dieser Welt bewältigen zu können. Dann brauchen wir nicht länger fremden Zielen nachjagen, für deren Verwirklichung wir unpassend ausgestattet sind, sondern können unsere eigenen Ziele entdecken und unsere eigenes Leben gestalten. 

Oft lässt sich erst viel später erkennen, wozu etwas gut war. Was ermöglicht wurde durch ein Ereignis. Vieles erklärt sich erst rückblickend. Es erscheint erst als Strafe, und dann als Geschenk. Mit allzu frühen Urteilen sollten wir uns zurückhalten. Vielmehr sollten wir uns bemühen, unsere individuellen Möglichkeiten zu sehen. Natürlich brauchen wir nicht tatenlos alles hinnehmen. Wir dürfen unser Leben vorwärts leben und aktiv gestalten. Wir dürfen uns auch beklagen und versuchen, etwas zu ändern. Wir brauchen uns nicht ergeben und unsere Untätigkeit damit rechtfertigen, dass wir nicht stark genug sind, nicht gesund genug sind, nicht schön genug sind. Aber wenn wir davon träumen, der beste Basketballspieler der Welt zu werden, obwohl wir nur 150cm groß und schon ausgewachsen sind, dann sollten wir uns fragen, ob wir nicht vielleicht für eine andere Aufgabe auf diese Welt gekommen sind. 

Es ist gut, wenn wir lernen, die Möglichkeiten, die sich für uns ergeben, wertzuschätzen. Und nicht zu viel Zeit damit verbringen, den Türen nachzutrauern, die sich verschlossen haben oder nie öffnen wollten. Wir dürfen uns um Verständnis bemühen, brauchen uns während des Lebens aber auch nicht ständig Gedanken machen, warum jetzt gerade alles so ist, wie es ist. In einem ersten Schritt ist es sinnvoll, die unveränderlichen Vorraussetzungen, die uns begegnen, zu akzeptieren und darauf zu vertrauen, dass sie richtig sind. Das es uns auch jetzt noch gelingen wird, etwas daraus zu machen. Wenn wir weit genug im Leben vorangeschritten sind, werden wir es rückblickend verstehen können. Dabei müssen wir gleichzeitig vorwärts leben. Was wir ändern können, dürfen wir selbstverständlich ändern. Das eigene Leben und die Umgebung selbst aktiv zu gestalten ist wichtig. Und du hast bestimmt schon selbst erkannt, dass es nicht immer einfach ist zu beurteilen, was wir verändern können und was wir besser akzeptieren sollten. Das zu unterschieden ist ein wesentlicher Teil unsere Aufgabe auf diesem Planeten, die uns niemand abnehmen kann. Hier hilft uns ein klares Denken, mit dem wir uns um ein selbstloses und vorurteilsfreies Verständnis bemühen. 

“Gott, gib mir die Gelassenheit, Dinge hinzunehmen, die ich nicht ändern kann,
  den Mut, Dinge zu ändern, die ich ändern kann,
  und die Weisheit, das eine vom anderen zu unterscheiden.”

Reinhold Niebuhr (1892 – 1971)

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