Als Mensch sind wir in ständigem Austausch, mit der Welt und mit anderen Menschen. Dabei sind wir im Idealfall darum bemüht, diesen Austausch in einem Gleichgewicht zu halten. Es kann allerdings auch passieren, dass wir uns darum bemühen, weniger zu geben als wir nehmen, besonders dann, wenn wir glauben, bisher im Leben zu kurz gekommen zu sein. Es kommt auch vor, dass wir mehr geben als wir nehmen in der Hoffnung, etwas zurück zu bekommen. In der Wirtschaft definieren wir den Profit sogar als die Differenz zwischen dem, was wir nehmen (Einkommen) und dem, was wir geben (Ausgaben). Mehr zu nehmen als wir geben gilt als wirtschaftlicher Erfolg. Großzügigkeit gilt als Luxus, den wir uns in der Wirtschaft nur dann leisten können, wenn wir Grund zu der Annahme haben, dass sie sich durch stabilere Geschäftsbeziehungen auszahlen wird. Dennoch würde das Urteil, dass wir in der Wirtschaft immer auf Kosten anderer Menschen eigene Profite erzielen, unserer Wirtschaft nicht gerecht. Denn der Wert dessen, was wir nehmen und geben, wird unterschiedlich beurteilt. Kaufe ich ein Brot für einen bestimmten Betrag, so hat das Brot für mich einen höheren Wert als das Geld, welches ich dafür gebe. Ich gewinne also etwas bei dem Handel. Für den Bäcker hingegen hat das Geld einen höheren Wert als das Brot, sodass auch er bei dem Handel etwas gewinnt. Wir haben eine sogenannte Win-Win-Situation. Ausgeglichen ist der Handel dann, wenn beide Parteien nach ihrem Urteil genauso viel gewonnen haben wie ihr Handelspartner. Nicht ausgeglichen, und damit nach gängiger Meinung ungerecht, ist ein Handel, bei dem ein Partner deutlich mehr gewinnt als der andere. Ein Handel, bei dem einer der Partner Verlust macht, kommt in der Welt eines Ökonomen nicht zustande, weil er den Handel verweigern würde. Ist also alles bestens mit unserer Wirtschaft? Profitieren wirklich alle Menschen davon, wenn auch nicht unbedingt gleichermaßen?
Wenn ein Handel sehr unausgeglichen ist, weil ein Partner den Wert einer Ware nicht kennt, eine Ware gerade sehr dringend baucht, um zu überleben, oder mit leeren Versprechen in einen Handel gelockt wird, dann haben die meisten Menschen ein ungutes Gefühl dabei. Insbesondere dann, wenn sie dem Partner bei diesem Handel in die Augen schauen müssen. Allerdings ist unser wirtschaftliches System so beschaffen, dass es Menschen belohnt, die dieses Gefühl zu ignorieren imstande sind. Im privaten Umfeld wird es als egoistisch und asozial beurteilt, wenn wir die geschwächte Position eines anderen Menschen übermäßig zu unserem Vorteil ausnutzen. Im geschäftlichen Umfeld hingegen wird es uns sehr leicht gemacht, genau das zu tun. Es wird stark vereinfacht, ein Schuldgefühl zu überwinden, zum Beispiel indem viele Handel anonym und über große Entfernungen hinweg stattfinden. Zudem werden besonders rücksichtslose Menschen nicht nur mit Geld und Macht belohnt, sondern infolge dieser Ergebnisse und aufgrund unserer Definition von Erfolg zusätzlich mit Anerkennung. Sie werden als besonders erfolgreich dargestellt, als beispielhaft und nachahmenswert. Diese Anerkennung hilft den Betroffenen, über das Gefühl, Unrecht getan zu haben, hinwegzukommen. Viele Menschen fühlen sich zudem gezwungen, nie mehr zu geben als in der jeweiligen Situation nötig, weil sie ansonsten ihre eigene Existenz infolge mangelnder Wettbewerbsfähigkeit bedroht sehen.
In der heutigen Wirtschaft verleitet uns sowohl die Karotte als auch die Peitsche zu einem sehr stark gewinn- und wettbewerbsorientierten Verhalten. Der Wettbewerb ist tief verankert in unserem Wirtschaftssystem und wird als treibende Kraft geschätzt und umworben. Es ist sogar die Überzeugung anzutreffen, dass der Wohlstand der heutigen Welt nur durch den Wettbewerb erreicht werden konnte. Wir haben daher akzeptiert, dass der Wettbewerb der Leitfaden unseres Wirtschaftslebens ist. Wir gestalten unsere Gesetze so, dass wir wettbewerbsfähig sind mit anderen Rechtsräumen, und wir nutzen unsere Kreativität und geistigen Fähigkeiten, um damit unsere Wettbewerbsfähigkeit auszubauen oder zumindest zu erhalten. Folglich ordnet sich fast das gesamte Leben der Wirtschaft unter, und das Leben auf der Erde wird zur Teilnahme an einem großen Wettbewerb. Das ist anstrengend, und der Lohn ist zweifelhaft. Nur wenigen gelingt es, in diesem Umfeld ihre eigenen Visionen und Ziele umzusetzen oder zu integrieren. Wir sind meist damit beschäftigt, zu funktionieren; eigene und fremde Erwartungen zu erfüllen. Wir geraten womöglich in einen Rausch, der uns betäubt und davon ablenkt, wie unzufrieden wir sind. Selbst wenn uns das gelingt, macht es uns auf Dauer nicht glücklich.
Vermutlich haben die meisten Menschen schon einmal erlebt, wie erfüllend es sein kann, zu geben und anderen Menschen zu helfen. Aber wir glauben oft, dass wir mit einer Hand entsprechend der vorgelebten Gnadenlosigkeit des heutigen Wirtschaftslebens nehmen müssen, damit wir mit der anderen Hand an unsere Liebsten geben können. Also nehmen wir die verlockenden Angebote an, die gut bezahlten Jobs, die profitablen Investitionsmöglichkeiten und die billigen Produkte, die uns überall angeboten werden. Aber als Menschen können wir uns nicht nur anpassen an unsere Umgebung, wir können sie auch gestalten. Dazu brauchen wir nicht die ganze Welt auf den Kopf stellen, damit sie unserer Vorstellung einer besseren Welt entspricht. Es reicht schon, die Spielregeln zu erkennen, und den eigenen Spielraum so zu nutzen, dass die Welt ein kleines bisschen besser wird. Selbst das ist viel leichter gesagt als getan, wenn wir es zum Grundprinzip all unserer Handlungen machen wollen. Aber in einem kleinen Bereich tun wir alle bereits genau das, und es geht im Grunde nur darum, diesen Bereich den eigenen Möglichkeiten entsprechend im Laufe des Lebens zu vergrößern.