Warum Denken?

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Warum sollte sich überhaupt irgendjemand mit dem Thema Denken beschäftigen? Was ist der Nutzen? Beschert es ein Einkommen, kann damit Geld verdienen werden? Eher nicht, dazu muss das Denken auf eine Tätigkeit gerichtet werden, für die jemand zu zahlen bereit ist. Für die Erkenntnisse aus einer Beschäftigung mit dem Wesen des Denkens gibt es vielleicht auch einen Käufer, aber in einem Verkauf liegt nicht meine Motivation. Von meiner Beschäftigung mit dem Wesen des Denkens erhoffe ich mir keine Belohnung in Form von Geld oder materieller Wohlfahrt, sondern die Fähigkeit, selbst Wahrheit zu erkennen, und so die Idee der Freiheit zu ergreifen. Dieses Ziel lässt sich nicht in ein paar Jahren erreichen, aber eine Annäherung ist möglich. 

„Ihr werdet die Wahrheit erkennen, und die Wahrheit wird euch frei machen“

Johannes 8,32

Nun könnte die Frage auftauchen, warum es einer Beschäftigung mit dem Denken bedarf, um sich der Wahrheit zu nähern. Es wäre doch einfacher, sich die Wahrheit von Experten sagen zu lassen? Zwar kann oft nur vermutet werden, wie und warum diese zu ihren Aussagen kommen, aber zumindest muss nicht selbst gedacht und auch nicht selbst verstanden werden, was überhaupt das Denken ist. Jesus würde jedoch nicht von erkennen sprechen, wenn es nur darum ginge, einer Autorität die Wahrheit zu glauben. Darin läge auch keine Freiheit. Wir sollen die Wahrheit selbst erkennen. Wir sollen auf eigener Erkenntnis gründend handeln, weil wir zu erkennen in der Lage sind, was gebraucht wird. Nicht einfach nur Anweisungen in gutem Glauben befolgen. Wir sollen es selbst bemerken, wenn wir belogen werden oder wenn etwas falsch ist. Dazu müssen wir uns der eigenen Denkfähigkeit bemächtigen. Denn außer Denken und Wahrnehmen ist uns nichts gegeben. Und eine Erkenntnis kann nicht allein aus der Wahrnehmung hervorgehen. Das Denken ist notwendig, wenn wir der Idee des Menschen gerecht werden wollen. 

Auch könnte die Frage auftauchen, ob es nicht besser wäre, die Zeit zu nutzen um Geld zu verdienen, und dann damit Freiheit zu kaufen, anstatt sie über den Weg der Wahrheit erlangen zu wollen. Wir haben schließlich gelernt, dass wir unsere Ziele und Wünsche mit Geld verwirklichen. Und für manche Ziele funktioniert das auch. Aber Freiheit lässt sich nicht mit Geld kaufen. Sicherlich gibt es Produkte im Angebot, die uns Freiheit versprechen. Die einen größeren Bewegungsradius ermöglichen, schnellere Fortbewegung, und schnellere Bewältigung von Aufgaben. Mehr Zeit für das Wesentliche wird uns versprochen. Du kannst gerne versuchen, alle diese Produkte zu kaufen. Aber solange ich Angst habe, mein Geld zu verlieren, meinen Besitz zu verlieren, meine Gesundheit zu verlieren, mein Leben zu verlieren, kann ich nicht frei sein. Das Unbekannte macht Angst. Die Antwort ist Mut, mit dem wir uns dem Unbekannten nähern können, um es zu erkennen. Und auch die Wahrheit über das Unbekannte lässt sich nicht kaufen. Sie lässt sich nicht in einem Buch zusammenfassen oder konservieren. Sie muss selbst erkannt werden, für jeden Moment, in jedem Moment. Der Weg zur Freiheit führt über die Wahrheit

Wir können nicht erwarten, dass die Wahrheit sich uns einmal offenbart und die Freiheit damit erreicht ist. Wir werden stets mit neuen Situationen, neuen Handlungen und mit neuen Aussagen über Bedrohungen und Gefahren, mit neuen Entdeckungen, Theorien und Prognosen konfrontiert. Und wir müssen immer wieder einsortieren in wahr, falsch und ungewiss. Letzteres ist zu klären oder als irrelevant zu beurteilen. Zudem kann eine Aussage jetzt stimmen, muss aber nicht immer richtig bleiben. Aussagen wie “Es regnet.” sind eine Zeit lang zutreffend und wahr, aber nicht immer überall. Freiheit muss fortwährend erarbeitet werden, mit einem unermüdlichen Bemühen um die Wahrheit. Dabei geht es insbesondere darum, die Wahrheit über unsere eigenen Beweggründe zu erkennen. Es geht nur indirekt um die Aussagen anderer Menschen, sofern diese uns betreffen und unser Denken und Handeln lenken.

Was uns antreibt, dass sind die Konflikte, die wir spüren, und die Wünsche, die wir haben. Konflikte wollen wir lösen, und Wünsche wollen wir erfüllen oder erfüllt bekommen. Konflikte können nur uns betreffen, zum Beispiel wenn wir etwas wahrnehmen und nicht vereinbaren können mit unserer Erfahrung. Sie können aber auch andere Menschen mit einbeziehen, mit denen wir uns streiten. Manchmal wollen wir einen Konflikt mit einer anderen Person gar nicht lösen. Das liegt immer daran, dass wir zusätzlich mit einem inneren Konflikt beschäftigt sind, den wir zuerst lösen müssen, aber womöglich verdrängt haben. Verdrängte Konflikte hindern uns daran, die Wahrheit über unsere Beweggründe zu erkennen. Wir müssen sie deshalb aufdecken. Wenn wir sie dann nicht direkt lösen können, müssen wir sie in einem ersten Schritt zumindest anerkennen und unseren Frieden mit ihnen schließen. Wir wissen dann, wie sehr sie unser Handeln bestimmen, und akzeptieren es. Nur unsere Wünsche für die Zukunft können uns dann die Kraft geben, den Konflikt zur rechten Zeit schließlich doch zu lösen. Wenn es keine verdrängten Konflikte mehr in uns gibt, merken wir das daran, dass es auch in unseren Beziehungen keine Konflikte mehr gibt, die wir nicht unmittelbar lösen wollen und können.

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