Was ist Denken?

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Als Kind beginnen wir, uns selbst mithilfe der Sprache zu leiten. Wir sprechen unsere Absichten laut aus und setzen sie dann um. Wenn wir älter werden, reden wir meist nicht mehr laut, sonder leise im innern. Diese Stimme erkennen wir irgendwann als unser Denken. Wir beginnen, alle möglichen Szenarien zu durchdenken, und wir setzen nicht länger alle Gedanken in die Tat um. Dabei denken wir nicht unbedingt in vollständigen Sätzen, sondern oft abgekürzt, mit nur wenigen Worten. Aber wir bedienen uns oft der Sprache. Und die Sprache selbst ist nicht unsere eigene Erfindung. Wir haben sie gelernt. Sie ist außerhalb von uns entstanden, und wir haben sie verinnerlicht.

Denken kann noch andere Formen annehmen. Häufig denken wir mithilfe der Sprache und formulieren dabei Aufgaben, Fragen und Lösungsansätze. Wir können aber auch in Form von Vorstellungen und Bildern denken, indem wir zum Beispiel eine Handlung – wie das Falten eines Briefes – in Gedanken bereits ausführen. Oder indem wir uns den Brief in gefaltetem Zustand vorstellen, ohne in Gedanken den Satz zu formulieren “Ich falte jetzt diesen Brief zweimal, sodass er in diesen Umschlag passt.” Die Denkformen können sich auch mischen, zum Beispiel können wir die Worte “Brief” und “Umschlag” denken und den Rest über die bildliche Vorstellung ergänzen. Es lässt sich oft beobachten, dass unsere sprachlichen Gedanken im Hintergrund von sehr spezifischen Vorstellungen begleitet werden, die wir irgendwann zuvor über die sinnliche Wahrnehmung erhalten haben und die beim Denken aus der Erinnerung wieder hervortreten. 

Gelegentlich werden wir auch ermutigt, laut zu denken, um uns mitzuteilen oder ein Problem gemeinsam zu bearbeiten. So kann dann auch gemeinsam ein Wille geformt werden, also eine Lösung, die alle umzusetzen bereit sind. Was wir wollen, steht oft in Zusammenhang damit, was wir zuvor gedacht haben. Und auch das Fühlen spielt hier hinein. Ein Gefühl zieht oft eine gedankliche Auseinandersetzung nach sich, weil wir das Gefühl ergründen, verstärken oder abschütteln wollen. Auch umgekehrt kann ein Gedanke ein Gefühl zur Folge haben. Und das kann sich auch wieder auf das Wollen auswirken. Wir werden dann oft ermutigt zu tun, was sich richtig anfühlt. Unserem Herzen zu folgen.

Aber gehören die Gedanken und Gefühle wirklich zu uns? C.G. Jung soll einmal gesagt haben, Menschen haben keine Ideen – Ideen haben Menschen. Mit dem Denken haben wir prinzipiell Zugang zur Welt der Ideen. Wenn wir unsere Gedanken beobachten, dann werden wir feststellen, dass viele davon gar nicht von uns kommen. Wir haben sie übernommen von unseren Eltern, Lehrern, Freunden, Politikern, Journalisten, Büchern und anderen Quellen. Es sprechen andere Stimmen durch uns. Bei genauerer Betrachtung könnten wir zu der Überzeugung gelangen, dass uns die Gedanken kontrollieren, wie ein Puppenspieler die Marionette. Das sollte den Willen entfachen, den Ursprung eines jeden Gedankens aufzudecken. Bei jedem Gedanken kann ich mich fragen, warum er aufgetaucht ist. Wenn sich Gedanken wiederholen, die ich mir vorgenommen habe nicht mehr zu denken, so kann ich mich fragen, warum es so schwer sein kann, Gedanken zum schweigen zu bringen.

Hier liefert das Konzept des “Default Mode Network” von Marcus E. Raichle eine mögliche Antwort. Es besagt, dass das Denken, wenn wir es nicht bewusst ergreifen und lenken, standardmäßigen Abläufen folgt. Es begibt sich sozusagen von allein in einen spontanen Fluss von Assoziationen, in selbstbezogenes Denken, oder in Erinnerungen. Das Denken ist also immer aktiv, und es bedient sich dabei aus den Erfahrungen, die wir im Leben gemacht haben. Es lassen sich Regeln finden, die sich in typischen Denkabläufen zeigen. Diese denkende Tätigkeit läuft ab, ohne das wir uns bewusst dazu entschieden müssen. Sogar wenn wir uns dagegen entscheiden, erfordert es einiges an Übung, die Gedanken zum schweigen zu bringen. Oft nutzen wir deshalb Ablenkung, um unliebsame Gedanken zu vermeiden. Dann ist das Denken mit der Verarbeitung von neuen Sinneseindrücken beschäftigt.

Das Denken hinterfragen wir im Alltag meist nicht. Wir haben unsere Pflichten, haben Erwartungen zu erfüllen, und “zu viel” Denken hält uns nur von der Arbeit ab, es lässt uns womöglich sogar zweifeln und wirft uns aus der Bahn. Wir nutzen das Denken als Werkzeug, um unsere Rolle zu spielen und um so zu funktionieren, wie wir es von uns selbst erwarten. Wenn wir so leben, dann geraten wir leicht in den Dienst anderer und verlieren unsere Eigenart aus den Augen. Wir folgen dann nur noch dem, was unmittelbar vor uns tritt und unsere Aufmerksamkeit fordert. Aber das Denken kann uns auch dabei helfen, uns selbst und die Welt besser zu verstehen. Neues zu ergründen. Philosophie zu betreiben. Aus eigener Initiative zu handeln. Wir können sogar das Denken selbst zum Inhalt unserer Beobachtung und unserer Gedanken machen. Wenn wir genauer hinschauen werden wir bemerken, dass wir durchaus ergründen können, wo ein Gedanken herkommt. Die Gedanken verheimlichen uns nichts, wenn wir uns ihnen zuwenden. Mir der Kraft des Denkens können wir sehr viel erreichen – besonders dann, wenn wir besser verstehen, was Denken eigentlich ist. Und wenn wir fortwährend üben, es in unseren Dienst zu stellen. Was wir vom Denken gewöhnlich mitbekommen, ist nur die Spitze des Eisbergs. 

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