Das Christentum bleibt nach dem Untergang des römischen Reiches in Europa dominant und prägt das Leben der Menschen. Die Bibel gilt als heiliges Buch und der Einfluss der Kirche auf die Gesellschaft und die Politik ist groß. Infolge der teilweise für einige Menschen schwer zu verstehenden Bibeltexte und den umstrittenen Interpretationen der Kirche kommt unter die Philosophen die Frage auf, ob ein Konflikt besteht zwischen der Bibel und der Vernunft des Menschen. Alte Offenbarungen, die nur noch als Überlieferung vorhanden und für die Menschen nicht mehr erlebbar sind, werden als Dogmen festgezurrt, die akzeptiert werden müssen. Es etabliert sich eine zunehmend scharfe Trennung zwischen Glaube und Wissen, und das führt zu der Frage, ob sich beides wieder vereinen lässt. Die Philosophen sehen sich teils konfrontiert mit Grenzen, wie weit die Vernunft in religiöse Fragen hineinreichen kann und darf.
Der im vierten Jahrhundert lebende Augustinus glaubt, die Geschichte sei geprägt durch den Konflikt zwischen Gottesstaat und Weltstaat. Beide ringen in jedem Menschen um Macht. Gott ist für ihn ewig, die Welt jedoch nicht. Seine Weltanschauung ist geprägt durch den Neuplatonismus. Augustinus betrachtet das gesamte Dasein als göttliche Natur. Ehe Gott die Welt schuf, lebten die ewigen Ideen bereits in Gottes Gedanken. Die gesamte Geschichte ist notwendig, um diese Ideen zu verwirklichen. Die Idee des Menschen spielt dabei eine zentrale Rolle. Augustinus sieht den Menschen als geistiges Wesen, dessen Seele Gott erkennen kann. Nach dem Sündenfall hat Gott sich etwas aus den Menschen zurückgezogen, der Mensch ist “frei” geworden und mehr auf sich gestellt. In dieser Abwesenheit besteht auch das Böse. Dennoch kann jeder einzelne Mensch wieder zurück zu Gott finden.
Die Philosophie des Aristoteles war im zwölften Jahrhundert in Europa in Vergessenheit geraten. Dies änderte sich durch die Ankunft von arabischen Gelehrten in Norditalien, die dort ein Interesse für Aristoteles und seine Art des Denkens weckten. Damit entstand auch wieder ein Interesse an naturwissenschaftlichen Fragen. Etwa zu dieser zeit lebte Thomas von Aquin. Er war sowohl Theologe als auch Philosoph und versuchte, das Christentum mit der Philosophie des Aristoteles zu vereinbaren. Er war überzeugt, dass die Vernunft dieselben Wahrheiten ergründen kann, die wir auch in der Bibel finden. Er sieht zwei Wege, die zu Gott führen. Einen über Offenbarungen und Glaube, und den anderen über die Sinnesorgane und die Vernunft. Beide Wege machen einen Teil der Wirklichkeit begreifbar, und treffen sich in ihrer Überlappung bei Gott.
Sowohl Augustinus also auch Thomas von Aquin können dem Mittelalter zugeordnet werden, und bei beiden finden wir einen Abgrund zwischen Gott und der Welt. Der Mensch ist durch den Sündenfall aus dem göttlichen Paradies in die Welt gefallen, und beide beschäftigen sich damit, wie der Mensch wieder zurück zu Gott finden kann. Darin besteht die Aufgabe, das Ziel der Menschen aus Sicht der mittelalterlichen Philosophie. Dem gegenüber betrachtet der Pantheismus der Renaissance Gott als unendlich und überall – also auch in der Welt und im Menschen anwesend. Die Welt und Gott sind eins, und das wird als gut beurteilt, so wie es ist. Der Fokus der Philosophie verschiebt sich auf eine Erforschung der Welt mit der empirischen Methode.
Diese wissenschaftliche Methode gab es auch schon in der Antike, sie kommt aber erst in der Renaissance zu ihrer wichtigsten Blütezeit. Es geht darum, die Natur mit den eigenen Sinnen zu beobachten und zu untersuchen. Dazu müssen alte Offenbarungen, alte Autoritäten mit ihren Dogmen und auch alte Weisheiten und altes Wissen, das nicht länger verstanden wird, zurückgelassen werden. Beobachtung, Erfahrung und Experiment werden zur Grundlage der Philosophie. Das gab es auch schon vorher, aber die Dominanz systematischer Experimente ist eine Neuheit. Die Naturwissenschaft als eigenes Feld ist geboren. Sorgfältig durchgeführte Experimente und genaue Messungen werden erwartet, und was nicht messbar ist, soll messbar gemacht werden.
Galileo Galilei sagt, das Buch der Natur sei in der Sprache der Mathematik geschrieben. Beobachtungen in der Natur werden in mathematischer Form ausgedrückt. Die Naturgesetze werden mathematisch erfasst. Auch das ist grundsätzlich nicht neu in der Philosophie, aber gewinnt erst jetzt eine Bedeutung, die sich auf die Weltanschauung nahezu der gesamten Bevölkerung ausbreiten soll. Der Mensch lernt, gezielt immer tiefer in die Natur einzugreifen und mit den Bausteinen der Natur zunehmend komplexe eigene Ideen zu verwirklichen. Er gestaltet sein Umfeld in immer größerem Ausmaß so, wie es seinen Zwecken dient, nutzt dabei ein stets wachsendes Verständnis der Naturgesetze und immer größere und leistungsstärkere Maschinen. Die kreative Schöpfungskraft des Menschen und sein Einwirken auf die Natur wird stetig bedeutsamer, und dominiert die Erscheinung der Umwelt zunehmend.
In der Renaissance gab es schon zu Beginn dieser Entwicklung zwei extreme Ansichten, wohin die Eroberung der Natur durch den Menschen führen könnte. Das eine Extrem ist die Sorge, dass der Mensch mit der technischen Entwicklung einen Prozess in Gang gesetzt hat, den er nicht mehr kontrollieren oder bändigen kann. Er entfernt sich von seiner natürlichen Lebensweise und zerstört sein Lebensumfeld, also die Grundlage seiner eigenen Existenz. Das andere Extrem ist die Hoffnung, dass die Technik noch in den Kinderschuhen steckt und schließlich die Natur erfolgreich beherrschen und gestalten kann, ohne sie zu zerstören. Wichtig für diese Frage ist nicht nur, ob der Mensch rechtzeitig versteht, wie die Natur genutzt werden kann, ohne sie irreparabel zu schädigen, sondern auch, ob der Mensch ein Umfeld schaffen kann, in dem er die Motivation findet, keine Schäden in einem Ausmaß zu verursachen, das durch die natürlichen Heilungskräfte nicht mehr ausgeglichen werden kann. Diese Aufgabe haben wir nicht nur als Menschheit für die gesamte Welt, sondern auch als Individuum für unseren eigenen Körper.