Mythen und Natur

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Schon seit Jahrtausenden ist die Menschheit auf der Suche nach Erklärungen für die Welt, in der wir leben. Bevor sich die Philosophie etablierte und lange bevor sich daraus das heutige Weltbild entwickelte, lieferten die Mythen eine Erklärung für die Phänomene, die wir hier erleben. Einige dieser Mythen wurden bis heute überliefert, und bereits 700 Jahre vor Christus wurden schriftliche Aufzeichnungen von Mythen angefertigt. Was viele Mythen gemeinsam haben, sind übermenschliche Wesen, die mit ihren Handlungen die Naturphänomene wie Stürme, Fluten, Erdbeben und Vulkanausbrüche, aber auch alltägliche Dinge wie Regen und Sonnenschein bewirken. Diese Götter und Halbgötter treten selten alleine auf, sie pflegen Beziehungen untereinander und geraten auch schon mal in Konflikt, genau wie wir es bei Menschen sehen. Sie sind auch oft spezialisiert, haben Verantwortung für einzelne Elemente oder Gruppen von Menschen. Der Mensch lebt in der Welt, die diese Wesenheiten erschaffen. Besonders ist an dieser Weltsicht, dass hinter allen weltlichen Dingen und Phänomenen ein Wesen gesehen wird, welches diese bewirkt. Hinter allem, was existiert, wirkt etwas lebendiges und bringt es hervor. So haben unsere Vorfahren die Welt gesehen.

In den dokumentierten Mythen zeigen die Götter oft ein sehr menschliches Verhalten, sie haben Begehren, sind eifersüchtig und neidisch, wütend und traurig. Aus diesen Gefühlen heraus bewirken sie die Naturgewalten. Die ersten bekannten Philosophen um 500 vor Christus in Griechenland haben diese Übertragung von menschlichen Eigenarten auf mächtigere Wesen, die sie selbst nicht wahrnehmen können, in Frage gestellt. Sie haben sich von diesen Vorstellungen gelöst und wollten natürliche, ihren Sinnesorganen zugängliche Erklärungen für die Naturvorgänge finden. Dies war die Geburtsstunde der Naturphilosophie, welche wir als einen Vorläufer der heutigen Naturwissenschaft betrachten können. 

Heraklit erkennt, dass alle Gegensätze einen notwendigen Platz in der Ganzheit haben. Nur durch das beständige Ringen dieser Gegensätze bleibt die Welt in Bewegung, ohne sie würde sie erstarren. Alle Gegensätze sind Teil einer Einheit, welche den Wandel der Welt möglich macht. Diesen Ansatz finden wir bis heute in der Physik. Es ist der Gegensatz zweier Kräfte, der die Planeten auf ihren Bahnen in Bewegung hält. Der Gegensatz zweier Pole, der den Strom durch die Leitungen und die elektrischen Maschinen fließen lässt. Es sind Gegensätze, die das Meer strömen und die Winde wehen lassen. Es ist der Gegensatz der heißen Sonne und des kalten Weltalls, der jede Bewegung und jedes Leben auf der Erde in Gang hält.

Empedokles postuliert vier Grundstoffe, aus denen die Welt zusammengesetzt ist: die Elemente Wasser, Erde, Feuer und Luft. Zusätzlich geht er von einer verbindenden Kraft und einer trennenden Kraft aus, wodurch sich aus den vier Elementen alle Dinge zusammenfügen können und auch wieder in Wasser, Erde, Feuer und Luft zerfallen können. Auch diesen Idee findet sich bis heute in der Physik, die ein Erklärung der Welt mit Stoffen und Kräften anstrebt. Auch heute haben wir einen Baukasten aus Teilchen, zwischenzeitlich Atome, dann Protonen, Neutronen und Elektronen, und jetzt noch kleinere Teilchen. Und wir haben eine Reihe von anziehenden und abstoßenden Kräften. Die Idee der Atome stammt ebenfalls aus dem antiken Griechenland. Anaxagoras präsentierte die Idee, dass die Welt aus kleinen Teilchen aufgebaut ist, zu klein um sie mit den Augen zu erkennen, und dass diese durch eine Kraft angeordnet werden. Diese Kraft nennt er Geist.

Der Begriff des Geistes wird in der Physik heute bis auf wenige Ausnahmen nicht verwendet. Dort sprechen wir einfach nur von Kräften. Diese Kräfte sehen wir in Verbindung mit den Stoffen, sozusagen an diese gebunden. Das Wesenhafte, welches in den Mythen omnipräsent ist und auch bei Anaxagoras noch eine Rolle spielt, hat die moderne Naturwissenschaft zurückgelassen. In der Konsequenz hat sie sich auf die Erklärung der unbelebten Natur spezialisiert, und das Lebendige und Geistige an die Biologie und die Geisteswissenschaften abgegeben. Damit hat sie den Anspruch einer ganzheitlichen Betrachtung der Welt aufgegeben. Die Wissenschaft ist zersplittert in unzählige Teilgebiete, die in ihrem Bereich jeweils auf eigenen Ideen gründen, mit denen sie Erklärungen innerhalb ihres Gebietes zu liefern versuchen. Seither gibt es immer wieder das Bestreben einzelner Wissenschaftler, diese verlorene Einheit wiederherzustellen. Es ist die Suche nach einer Idee, die das Lebendige mit dem Unbelebten verbindet. Eine Idee, die sowohl den rostenden Nagel im Balken als auch das Wachstum eines Baumes umfasst. 

Auf der Suche nach dieser Idee wird oft die Frage gestellt, wie und mit welchen Kräften die Materie das Leben hervorbringt. Diese Frage enthält jedoch schon einige Annahmen. Wir könnten auch Fragen, ob es Materie gab, bevor es Leben gab. Wir nehmen häufig an, ohne Materie könne es nichts geben, weil alles an Materie gebunden sei und von dieser bewirkt werde. Aber ist das wirklich so? Wie sind wir zu dieser Idee gekommen? Die Idee von Anaxagoras, der die Anordnung der Teilchen durch eine Kraft erklärt, die er Geist nennt, ist auch heute noch aktuell. Wir können noch immer keinen lebenden Organismus erklären, indem wir uns nur auf die kleinsten Teilchen mit ihren Eigenschaften beziehen. Wir verstehen und beherrschen die Kräfte nicht, die unseren Körper hervorbringen. Wir können heute nur staunend zusehen, wie unser Körper entsteht, wächst, dann altert und schließlich der Erde zurückgegeben wird. Hier wirken Kräfte, die über das hinausgehen, was wir momentan mit unserer Technik zu bauen imstande sind. Wir sind auf dem Weg, die Bausteine zu verstehen, aus denen auch die Natur ihre lebenden Organismen baut. Wir bauen ebenfalls damit, aber auf eine andere Art. So wie die Natur können wir noch nicht schöpferisch tätig sein. Wenn wir verstehen wollen, wie das möglich ist, dann ist es keineswegs unvernünftig, die Idee des Geistes, die Idee der lebendigen Wesen hinter den Kräften wieder näher zu betrachten. Auch wenn wir uns davon in letzter Zeit etwas entfremdet haben, ist die Zeit dafür wieder reif.

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