Wer schon einmal von der französischen Revolution gehört hat, erinnert sich bestimmt auch an die drei Worte Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit. Mich begleiten diese Worte schon seit meiner Kindheit, und seit meiner Jugend habe ich mir Gedanken dazu gemacht, was es damit auf sich hat. Welche Bedeutung sie in unserer Gesellschaft haben. Verbirgt sich dahinter ein sinnvolles Konzept? Oder eine Utopie, die uns ablenkt, eine unrealistische Träumerei? Vor vielen Jahren bin ich über eine Schrift gestolpert, die behauptet, die Idee von Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit sei absurd und widersprüchlich, eine schön klingende, aber unmögliche Idealvorstellung, die lediglich dazu diene, die Menschen in eine Richtung zu leiten, in der sie unmöglich etwas erschaffen können, womit sie aus der Rolle ausbrechen könnten, die sie in einer für eine Elite existierenden Gesellschaft zu erfüllen haben. Obwohl ich eine Elite nie gesehen habe, erschien mir das mit meinem damaligen Weltbild plausibel, und es sind einige Jahre vergangen, bis ich die Idee aus einer anderen Perspektive betrachten konnte.
Wie passen diese drei Begriffe zusammen? Widersprechen sie einander? Wird Gleichheit nicht durch eine Reduzierung der Freiheit durchgesetzt? Es handelt sich tatsächlich um drei grundlegend verschiedene Konzepte. Und wir bauchen alle drei. Zum Leben brauchen wir ganz unterschiedliche Dinge, wie Wasser, Luft, Erde und Feuer. Wir brauchen diese Dinge in der richtigen Balance, damit ein Leben auf diesem Planeten möglich ist. Und für unser soziales Leben, für unser Zusammenleben als Menschheit, brauchen wir so unterschiedliche Dinge wie Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit. Jedes der drei Konzepte hat seine Aufgabe und seinen Platz. Nur gemeinsam ermöglichen sie ein erfolgreiches Zusammenleben. Um eine grundlegende Struktur zu erhalten, können wir die Gleichheit zum Rechtsleben, die Freiheit zum Geistesleben und die Brüderlichkeit zum Wirtschaftsleben zuordnen. Die Naturgesetze gelten für alle gleich. Wir wollen frei sein in unseren Gedanken. Was hingegen gar nicht gut klappt in der heutigen Welt ist die Brüderlichkeit im Wirtschafts- und Finanzwesen. Diese Störung der Balance hat Konsequenzen, die auch auf die Freiheit und die Gleichheit einwirken.
Bevor die Menschheit eine umfassende Brüderlichkeit im Wirtschaftsleben verwirklichen kann, muss sich zunächst der einzelne Mensch weit genug entwickelt haben. Es braucht Menschen, die bewusst um ihre Weiterentwicklung bemüht sind und die Brüderlichkeit mehr und mehr im eigenen Denken und Handeln umsetzen. Ein auf Brüderlichkeit basierendes Wirtschaftsleben wird freiwillig verwirklicht durch die Menschen, die in einer Gesellschaft leben. Es kann nicht durch Gesetze erzwungen werden. Die allermeisten Menschen sind noch auf dem Weg, sich zu freien Menschen zu entwickeln. Also nicht getrieben und gelenkt zu werden durch von außen vermittelte Ängste, durch Ehrgeiz oder einen Hang zur Selbstdarstellung, durch ein ungestilltes Bedürfnis nach Anerkennung oder durch eine einseitige Reduzierung des eigenen Lebensziels auf materiellen Reichtum und sinnliche Wohlfahrt. Erst wenn ein bedeutender Teil der Menschen diese anfänglichen Schwierigkeiten auf dem Weg zur Freiheit überwunden hat, kann ein Wirtschaftsleben gedeihen, das den realen Nutzen für alle Beteiligten, die Natur eingeschlossen, über den Profit weniger stellt.
Es ist also noch einiges zu tun, bevor die Idee von Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit in Erscheinung treten kann. Die Menschheit hat noch einen weiten Weg zu gehen. Ein großer Schritt auf diesem Weg ist die Überwindung der einseitig-materialistischen Weltanschauung. Es ist für unsere Entwicklung wichtig, diese Weltanschauung einmal gehabt zu haben. Denn sie ermöglicht uns, ganz in die Körper- und Sinnenwelt abzutauchen. Und nur in dieser Welt können wir uns frei von geistiger Einflussnahme selbst erleben. Hier werden wir in die Freiheit entlassen, und es beginnt damit der Weg, den wir eigenverantwortlich und aus eigener Kraft zu gehen haben. Damit geht einher, dass wir in dieser Welt schnell die Orientierung verlieren. Wir verstehen sie zunächst nicht, wir bekommen Angst, wir begeben uns unter die Obhut anderer Menschen und verlassen diese Führung spät oder sogar nie. Wir lassen uns überwältigen von den Gefühlen, die wir im Körper spüren. Verirren uns in den Gedankengängen unseres Gehirns. Wir klammern uns an das, was wir sehen, und fürchten die Veränderung. Es ist eine schwierige Phase, durch die wir hindurch müssen, um frei zu werden. Die Beobachtung des eigenen Denkens ist eine gute Methode, um die eigene Entwicklung zu beginnen und neue Orientierung zu erhalten.