Die Seele des Menschen

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Wenn wir eine Antwort auf die Frage suchen, was ein Mensch ist, dann begegnen uns schnell die körperlichen Merkmale und Fähigkeiten des Menschen. Oft wird der Mensch beschrieben mit Bezug zu allen anderen Lebewesen, die auf diesem Planeten heimisch sind. Wir unterscheiden Pflanzen und Tiere. Der Körper des Menschen ist ein Tierkörper. Bei den Tieren gibt es eine große Vielfalt an Körpern, manche sind ganz anders als der des Menschen, andere sehr ähnlich. Auch die Fähigkeiten der Tiere sind sehr unterschiedlich. Soweit wir als Menschen dies beurteilen können, gibt es Tiere mit einigen wenigen sehr spezialisierten Fähigkeiten, und solche mit einem umfangreichen, dem Menschen ähnlichen Spektrum an Fähigkeiten. Die Einordnung des Menschen als eine Art besonderes Tier ist auf Grundlage des Körpers absolut nachvollziehbar. Immerhin gibt es Tiere mit nahezu identischem Körper. Und es ist sehr wahrscheinlich und naheliegend, dass der Körper des Menschen sich aus einem Tierkörper entwickelt hat. Wenn wir Lebewesen auf ihren Körper reduzieren, dann ist der Unterschied von Tier und Mensch minimal. Einer Maschine werden wir mit dieser Betrachtungsweise gerecht, aber einem Lebewesen nicht unbedingt. Ein Lebewesen könnte mehr sein als der messbare Körper. 

Was die Fähigkeiten betrifft, so ergeben sich die körperlichen Fähigkeiten aus dem Körperbau. Je ähnlicher der Körper eines Tieres, desto ähnlicher die körperlichen Fähigkeiten im Vergleich zum Mensch. Darüber hinaus gibt es noch weitere Fähigkeiten, die wir mit Denken, Fühlen und Wollen bezeichnen können. Was wir denken, dass erleben wir unmittelbar. Was ein anderes Lebewesen denkt, erleben wir nicht. Wir können es nur erahnen mithilfe von Hinweisen, die uns in Form von Gestik, Mimik und Sprache gegeben werden können. Was wir fühlen, dass erleben wir zumeist über die Wahrnehmung unseres Körpers. Freude, Trauer, Wut, Angst und andere Gefühle werden durch eine Reaktion des Körpers begleitet, die wir wahrnehmen. Was ein anderes Lebewesen fühlt, das können wir wieder nur erahnen anhand von Hinweisen, die wir durch Gestik, Mimik und Sprache erhalten. Was wir wollen, dass können wir beobachten, wenn wir auf unsere Handlungen blicken. Was wir zu wollen glauben sind nur Gedanken, Vorstellungen und Absichten. Was wir wirklich wollen, das zeigen uns unsere Handlungen. Und was ein anderes Lebewesen will, dass können wir an seinen Handlungen beobachten. Ob es uns mit einer Handlung auch gelingt, unsere Zielvorstellung zu verwirklichen, das ist eine andere Sache – aber was wir tun, das wollen wir. Und was wir nicht tun, das wollen wir nicht. An diese Erkenntnis schließt sich natürlich die Frage an, ob der Mensch einen freien Willen hat. Mit anderen Worten, ob der Mensch in Freiheit handeln kann. 

Die Fähigkeiten des Denkens, Fühlens und Wollens werden heute gerne dem Körper zugeschrieben. Das ist nachvollziehbar, denn sie kommen in diesem zum Ausdruck. Die Aktivität der Gedanken lässt sich mit entsprechenden Geräten im Gehirn sichtbar machen. Die Gefühle lassen sich auch ohne Geräte am Körper beobachten, und genauso der Wille. Über die Sinneswahrnehmung können umgekehrt auch Gedanken angeregt und Gefühle stimuliert werden. So kann auch ein Einfluss auf den Willen genommen werden. Wenn wir ein lautes Geräusch vernehmen und uns die Ohren zuhalten, dann ist unser Wille durch eine Sinneswahrnehmung angeregt worden. Die Handlung erfolgt hierbei oft direkt, ohne dass wir darüber lange nachdenken. Oder wir gehen unseres Weges, ohne an ein Eis zu denken. Dann sehen wir eine Person mit Eis und kaufen uns ein eigenes. Auch hier hat eine Wahrnehmung unseren Willen manipuliert. Aber an diesem Beispiel sehen wir schon, dass wir nicht immer unmittelbar reagierende Automaten sind. Wir können vor dem Eiskauf innehalten und solange nachdenken, bis uns genügend Gründe einfallen, kein Eis zu kaufen. Würde der Eiskauf genauso unmittelbar und gedankenlos erfolgen wie das Zuhalten der Ohren, dann dürften uns mit Recht ernsthafte Zweifel an unserer Freiheit kommen. 

Es kann auch passieren, dass wir unentschlossen sind. Dann suchen wir nach Gründen für einen Entschluss. Wie eine Entscheidung zustande kommt, wie sich also ein Wille formt, dass ist eine nähere Betrachtung wert. Denken und Fühlen sind daran beteiligt. Wie wir bei dieser Betrachtung vorgehen, ist von unserem Welt- und Menschenbild abhängig. Eine Beobachtung der Vorgänge im Körper ist ein naheliegender Ansatz, wenn wir den Willen als ein Produkt der Körperfunktion annehmen. Auf diese Annahme möchte ich jedoch verzichten, und mich dem Willen stattdessen von einer anderen Seite nähern: über eine Beobachtung des Denkens. Obwohl Wollen, Fühlen und Denken beim wachen Menschen im Körper eine Wirkung zeigen, möchte ich zunächst offen lassen, ob sie vom Körper bewirkt oder nur zur Erscheinung gebracht werden. Den freien Willen als ein Ergebnis des Denkens zu betrachten ist bereits das Resultat einer Beobachtung und erscheint mir zielführend. Das Denken geht einer bewussten Handlung gewöhnlich voraus. Wo das Denken seinen Ursprung hat, wird sich bei dieser Betrachtung womöglich ebenfalls ergeben. An dieser Stelle möchte ich Denken, Fühlen und Wollen vom Körper lösen und diese Kräfte der Seele zuschreiben. Was hier Seele genannt wird, ist also der Teil des Menschen, in dem sich Denken, Fühlen und Wollen abspielen. Die Tätigkeit der Seele kann jeder Mensch nur an sich selbst beobachten. Sie ist nicht direkt messbar, nur ihre Wirkung auf den Körper kommt in der physischen Welt zur Erscheinung.

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