Was ist ein Mensch?

5
(2)

Ein wesentlicher Teil unseres Weltbildes ist unser Menschenbild. Welche Vorstellung haben wir uns davon gebildet, was und wie ein Mensch ist? Was halten wir für angeboren, zum Wesen des Menschen gehörig, was halten wir für erlernt oder antrainiert? Was haben alle Menschen gemeinsam, und was ist individuell? Was unterscheidet den Mensch von einem Stein, einer Pflanze, einem Tier? Sind Tiere alle “gleich” oder ähneln manche dem Menschen mehr als andere? Ist ein Mensch lebendig, und wenn ja, was ist Leben? Was ist, hat oder kann das Lebendige, was eine Maschine oder ein Computer niemals können wird? Oder ist das Leben nur eine Illusion, die entsteht, wenn ein materielles Gebilde komplex genug wird? Wird ein Computer wirklich lebendiger, wenn er mehr Speicher, mehr Rechenleistung und bessere Software erhält? Oder wird er nur besser darin, manche Ausdrucksformen lebendiger Wesen realistisch nachzuahmen? 

Alles Lebendige, selbst wenn es sonst nichts zu können scheint, kann wachsen und sich vermehren. Genau das kann ein Computer nicht. Dafür kann ein Computer rechnen, er kann Datenbanken nutzen und anlegen, mit denen sich intellektuelle Aufgaben lösen lassen. Dazu sind außer dem Menschen nur wenige Lebewesen auf der Erde in der Lage. Wir könnten sagen, dass der Mensch mithilfe des Körpers, in dem er lebt, gewisse Tätigkeiten ausführen kann, die auch in einem vom Menschen selbst erschaffenen Computer ablaufen können. Allerdings lassen moderne Computer diese Überlappung größer aussehen, als sie wirklich ist. Sie imitieren nicht, was sich in uns abspielt, was wir denken und fühlen und wollen. Sie imitieren nur, was wir äußern. Was wir sagen und schreiben. Geben wir einem Computer einen Körper in Form eines Roboters, dann kann er auch unsere Bewegung nachahmen. Auch unsere Sinneswahrnehmung kann er nachahmen, mit Kameras, Mikrofonen und anderen Sensoren. Von außen betrachtet kann die Erscheinung und das Verhalten so gut imitiert werden, dass wir uns auf den ersten Blick täuschen lassen. Diese Ähnlichkeit wird aber nicht erreicht, indem der innere Wesenskern eines Menschen nacherschaffen wird, sondern indem seine äußere Erscheinung nachgeahmt wird. Und das mit einer Technik, die sich von allem Lebendigen wesentlich unterscheidet. 

Es ist nun spannend zu sehen, dass wir unser Menschenbild, also unsere Vorstellung davon, wie ein Mensch von Natur aus ist, auch auf diese technisch erschaffene Nachahmung der menschlichen Erscheinung übertragen. Wenn wir glauben, ein Mensch sei natürlicherweise egoistisch, selbstbezogen und nur am eigenen Nutzen interessiert, dann verbinden wir diese Eigenschaften auch mit den Maschinen, die wir für eine Kopie des Menschen halten. Wir glauben, selbst so entstanden und beschaffen zu sein, wie es jetzt beim Computer der Fall ist. Und wir glauben dann, dieser würde mit fortschreitender Optimierung auch unsere Bedürfnisse, unsere Begehren und Ängste erhalten. Das ist nicht der Fall. Allerdings wird er das Verhalten imitieren können, das wir infolge unserer Begehren und Ängste selbst zur Erscheinung bringen. Und solange wir uns über unser Verhalten definieren, solange wir uns primär über unsere Erscheinung, unseren Körper, unseren Besitz, unsere Bildungsabschlüsse und erlernten Fähigkeiten identifizieren, sehen wir keinen Unterschied zwischen uns und einer Maschine, die diese Dinge auch hat und kann. Aber solange wir uns auf diese Äußerlichkeiten beschränken, erkennen wir nicht, was ein Mensch ist, und wer wir wirklich sind.

Ein Mensch trägt etwas in sich, das wir alle erleben, aber nicht sinnlich wahrnehmen. Wäre es nicht da, dann würden wir nicht unterscheiden zwischen uns und dem Rest der Welt. Wir würden uns nicht erleben als ein Individuum, welches der Welt gegenübersteht. Wir hätten keine Vorstellung davon, dass ICH es bin, der in diesem Körper lebt und wirkt. Unser Körper erledigt sehr viel “von selbst”. Vieles müssen wir nicht aktiv steuern und regeln. Unser Körper teilt uns Bedürfnisse mit. Diesen können wir nachgehen. Wir müssen ihnen sogar nachgehen. Zwar können wir mit unserer Willenskraft manche Tätigkeit ergreifen und zum Beispiel die Luft anhalten. Aber das geht nur für eine gewisse Zeit. Auf andere Bedürfnisse können wir länger verzichten, ohne krank zu werden oder zu sterben. Und manche Begehren machen uns sogar krank oder todkrank, wenn wir ihnen zu lange ungehemmt nachgeben. Wir haben diesen Körper mit seinen Bedürfnissen. Und wir haben etwas, das wir Seele nennen können, mit ihren Begehren und Urteilen. Und dann ist da noch etwas, das ICH, welches diese Dinge erlebt und die Tätigkeit von Körper und Seele zu beherrschen versucht, um sich zum Ausdruck zu bringen. Viele Menschen sind mit ihren Bedürfnissen und Begehren jedoch so sehr beschäftigt, mit ihren Urteilen so festgefahren, dass von dem in ihnen lebenden ICH kaum noch etwas zu bemerken ist. Es nimmt kaum Einfluss auf den Menschen, der dann so lebt, also ob er eine Maschine wäre, und sich ganz von äußeren Einflüssen lenken lässt. 

Aber selbst wenn es oft nicht so erscheint, ist der Mensch doch ein geistiges Wesen. Und wenn wir uns besinnen, dann können wir das auch erleben. Wir können uns, sobald wir angekommen sind in dieser Welt und uns etwas orientiert haben, auch wieder unserem ICH zuwenden.

Wie hilfreich war dieser Beitrag?

Klicke auf die Sterne um zu bewerten!

Es tut uns leid, dass der Beitrag für dich nicht hilfreich war!

Lasse uns diesen Beitrag verbessern!

Wie können wir diesen Beitrag verbessern?

Schreibe einen Kommentar