Geist und Ich

0
(0)

Im letzten Artikel haben wir uns mit Lebewesen beschäftigt und die Tätigkeit des Denkens, Fühlens und Wollens nicht dem Körper, sondern der Seele zugeschrieben. Damit haben wir es uns ermöglicht, diese menschlichen Fähigkeit unabhängig von den Gesetzen der Physik zu beobachten. Durch die Vorgänge in unserer Seele kann sich ein Wille formen. Dieser Wille ist das Ergebnis unserer Sympathien. Die Seele beurteilt alle Empfindungen, die auf sie einwirken. Was sie als angenehm bewertet, dem will sie sich zuwenden. So entsteht ein Begehren, und wenn wir diesem freien Lauf lassen, dann wird daraus eine Handlung. Durch Erfahrung lernen wir, die Folgen unserer Handlungen abzuschätzen. Wenn wir als Kind ohne Erlaubnis Süßigkeiten aus dem Vorrat nehmen und aufessen, und im Anschluss zuverlässig dafür bestraft werden, dann lernen wir, auf den Diebstahl zu verzichten. Obwohl wir unmittelbar erhalten würden was wir begehren, verzichten wir, weil unser Begehren nicht stark genug ist, um das damit einhergehende Leid der Strafe aufzuwiegen. Das funktioniert natürlich auch umgekehrt. Wenn wir lernen, dass wir Aufmerksamkeit und Anerkennung erhalten für etwas, das wir gar nicht gerne machen (als Kind zum Beispiel das Zimmer aufräumen), dann überwinden wir das Leid bei der Handlung, weil die Freude durch die Anerkennung überwiegt. Klassische Erziehung formt so die Seele derart, dass der Mensch aus seinem Seelenleben heraus so handelt, wie es für eine gute Integration in die Gesellschaft erforderlich ist. Wenn wir in diesem Sinne gut erzogen sind, fällt uns das Leben in der Gesellschaft leicht, denn wir handeln automatisch erwartungsgemäß.

Wenn wir so handeln, dann führen wir womöglich ein stattliches Leben, aber wir handeln noch nicht frei. Wir handeln infolge von seelischen Prozessen, die nach klaren Gesetzen ablaufen. Natürlich ist unsere Seele einzigartig. Es gibt keine zweite Seele, die identisch wäre. Aber darin liegt nicht unsere Freiheit. Solange wir unsere Seele durch unser Umfeld formen lassen und entsprechend handeln, sind wir nicht frei. Wir werden frei, indem wir unsere Seele selbst gestalten und auf ihre Tätigkeit Einfluss nehmen. Der Ansatz dazu ist eine Beobachtung des Denkens, die jeder Mensch nur an sich selbst vollziehen kann. Gedanken sind eine bewusste Auseinandersetzung mit allen Eindrücken, auch den eigenen Gefühlen. Damit stellt sich die Frage, wer die Gedanken beobachtet. Das beantworten wir zumeist mit “ich”: Ich beobachte meine Gedanken. Mit diesem Ich erhalten wir nun über Körper und Seele noch eine dritte Ebene des Menschen, die wir Geist nennen können. Das Ich ist der geistige Kern des Menschen, die Individualität, welche Eigentümer ist von Seele und Körper, und diese beiden Hüllen bewohnt. Dabei ist das Ich entweder als Beifahrer mit dabei, wie wir es bei kleinen Kindern beobachten. Oder es übernimmt zunehmend das Steuer, wie wir es bei manchen älteren Menschen beobachten können. 

Ist das Ich nur Beifahrer, dann beherrschen uns die Kräfte in unserer Seele. Wir handeln dann unmittelbar entsprechend den Bedürfnissen, die wir in uns spüren. Wir verleihen unserer Befindlichkeit unmittelbar Ausdruck und leben ganz im Moment. Die Sympathien und Antipathien, die in uns auftreten, bestimmen unsere Zuwendung und Abneigung. Die Sinneswahrnehmungen und die übrigen Botschaften des Körpers wirken auf die Seele ein und das Ich erlaubt, dass die Reaktion der Seele direkt in eine Handlung übergehen kann. Wir lassen unsere Seele durch sinnliche Einwirkungen von Außen formen und handeln dann aus der Beschaffenheit unserer Seele heraus. Körper und Seele werden bei Kindern durch die äußere Welt geformt. Das Kind braucht sich nicht aktiv darum zu bemühen, dass es wächst und sich entwickelt. Es wächst wie von allein, solange es ausreichend versorgt wird. Kinder wachsen und gedeihen mithilfe der Lebenskräfte, die ihnen von außen geschenkt werden. Als Beifahrer übernimmt das Ich des Kindes noch keine Verantwortung. Deswegen werden Kinder vor dem Recht anders behandelt und dürfen erst mit Vollendung des 18ten Lebensjahres als Erwachsene die volle Verantwortung für ihr Leben übernehmen. Üblicherweise müssen wir auch erst ab diesem Alter die rechtlichen Konsequenzen von Fehlverhalten in vollem Umfang tragen.

Mit dem 18ten Geburtstag wird das Ich eines Menschen aber noch keine volle Kontrolle über die Seele erlangt haben. Wir sind auch in diesem Alter noch wesentlich gelenkt durch die in der Seele wirkenden Kräfte, die wir nicht beherrschen können. Sind wir in den Genuss einer guten Erziehung und Bildung gekommen, dann wurde unsere Seele so geformt, dass unser Verhalten mit Erreichen der Volljährigkeit den Erwartungen der Gesellschaft entspricht. Wir handeln dann regelkonform und kommen in der uns gewohnten Welt zurecht. Aber unser Ich ist noch immer ein überwiegend passiver Beifahrer. Die äußere Welt hat unser Denken, Fühlen und Wollen noch immer im Griff. Wir sind in diesem Alter noch nicht frei. Aber unser Freiheitskampf hat bereits begonnen. Das Ich beginnt, sich der Welt, dem Körper und der Seele gegenüberzustellen. Es stemmt sich entgegen und beginnt, das Denken zu ergreifen. Was wir zuvor gelernt haben, können wir nun hinterfragen. Wo wir zuvor gehandelt haben, können wir nun innehalten. Was wir zuvor als festgesetzte Reaktion der Seele miterlebt haben, können wir nun gestalten. Die Gestaltung der Seele ist die primäre Aufgabe des menschlichen Ichs in der heutigen Zeit.

Wie hilfreich war dieser Beitrag?

Klicke auf die Sterne um zu bewerten!

Es tut uns leid, dass der Beitrag für dich nicht hilfreich war!

Lasse uns diesen Beitrag verbessern!

Wie können wir diesen Beitrag verbessern?

Schreibe einen Kommentar