Hinter dem Erfolg der sozialen Medien verbirgt sich ein Bedürfnis, das durch die sozialen Medien selbst gar nicht wirklich befriedigt werden kann. Die Hoffnung, dass dies geschehe, entspringt einem Denkfehler, beziehungsweise einer gelernten Erwartungshaltung, die jedoch enttäuscht wird. Aufgrund des ausbleibenden Erfolges wird immer intensiver versucht, immer mehr eskaliert, bis es schließlich zu einer völligen Erschöpfung kommt. Oder, in glücklichen Fällen, zu einer Einsicht.
Wenn ich einen besonderen Moment erlebe, kommt mir hin und wieder der Gedanke, dass es doch schön wäre, jetzt eine Aufzeichnung dieses Moments als Foto oder kurzen Film zu haben. Damit ich sie anderen Menschen zeigen und so den Moment besser teilen kann. Das kann zum Beispiel ein besonders nah vorbeifliegender Greifvogel sein, ein besonderes Auto, das vorbeifährt, oder einfach etwas, was mir auffällt, und wovon ich womöglich später erzählen möchte. Genauso habe ich es schon erlebt, dass ich von der Bedienung einer schnell gezückten Kamera abgelenkt bin, und den besonderen Moment selbst gar nicht mehr voll erleben kann. Wenn dann auch noch das Bild unscharf oder falsch belichtet ist, ärgert es mich besonders, und dann denke ich mir, es wäre besser gewesen, einfach nur selbst den Moment zu erleben.
Beide Ansichten versuche ich zu rechtfertigen. Es wäre doch egoistisch, wenn ich nicht aufzeichnen und teilen würde, was mir im Leben begegnet. Die Bilder wecken in Zukunft meine Erinnerung an die Erlebnisse, und bringen dann viele alte Momente und Gefühle wieder hervor. Sie helfen mir, mich zu erinnern, was in meinem Leben wann passiert ist. Auf der anderen Seite erlebe ich die Welt viel aufmerksamer und umfangreicher, wenn ich sie nicht durch eine Kamera betrachte. Die aufgenommenen Bilder können die Atmosphäre, die Besonderheit des gerade selbst gesehenen gar nicht einfangen. Und der beste Zeitpunkt, den Moment zu erleben, ist jetzt.
Bei den sozialen Medien geht es um Zugehörigkeit. Um Gemeinschaft. Um Anschluss. Darum, sich nicht vereinzelt und isoliert, von der Welt abgespalten zu fühlen. Es ist zumindest meist dieses Bedürfnis, was uns, von Langeweile und Faulheit abgesehen, zu den sozialen Medien treibt. Wir wollen uns austauschen, wollen Aufmerksamkeit, wollen Bestätigung, dass wir richtig sind. Aber die sozialen Medien locken uns in eine Falle, denn was wir eigentlich wirklich suchen, wovon wir vielleicht gar nicht mehr wissen, dass es unser Handeln motiviert, das bleibt unbeachtet, wird nicht versorgt. Deswegen macht es sehr unglücklich, wenn zu viel Zeit in die sozialen Medien fließt und das eigentliche soziale Leben darunter leidet.
Dies sei erläutert anhand des einleitenden Beispiels mit dem schönen Erlebnis, welches mit einer Kamera eingefangen wurde oder auch nicht. Möchte ich das Bild haben, um von meiner Geschichte zu erzählen, dann ist das verständlich. Dabei muss ich aber berücksichtigen, dass dieses Bild für mich Erinnerungen an eine erlebte Situation weckt. Wenn ich das Bild einer anderen Person zeige und erwarte, dass dieses Bild bei ihr die gleichen Emotionen auslöst, dann werde ich enttäuscht werden. Für jemand anders ist es nur ein Bild, und wir sind sehr gesättigt mit spektakulären Bildern. Das Teilen eines Bildes bringt mich mit niemandem auf eine Gefühlsebene. Das können nur Bilder von Dingen, die auf beiden Seiten bereits erlebt wurden, am besten gemeinsam.
Und das ist der wesentliche Punkt, den wir im Auge behalten müssen. Es ist schön, wenn wir uns gegenseitig erzählen, was wir erlebt haben. Aber verbinden tut uns nur, was wir gemeinsam erleben. Gemeinsame Erlebnisse hinterlassen ähnliche Erinnerungen und vergleichbare Emotionen. Wenn wir die Beziehung zu anderen Menschen pflegen wollen, wenn wir uns näher kommen wollen und zugehörig fühlen wollen, dann müssen wir uns für gemeinsame Erlebnisse Zeit nehmen. Ansonsten bleiben wir einander fremd oder entfremden uns. Gemeinsame Ausflüge, Reisen, Projekte im eigenen Garten oder Haus, all das bringt uns zusammen. Gemeinsam erleben, gemeinsam erschaffen. So entsteht Gemeinschaft.
Es bringt also auf diesem Gebiet sehr wenig, alleine etwas zu erschaffen und es anderen dann unter die Nase zu halten. Damit kommen wir nicht weit und daran sollten wir keine großen Erwartungen stellen. Sicher hat auch diese Strategie ihre Berechtigung und ihren Platz. Es gibt sehr gute Bücher, die wir uns vor die Nase halten können und die uns womöglich sehr helfen. Auch etwas gut gemachte Unterhaltung hat ihre Berechtigung. Aber dadurch entsteht keine wesentliche zwischenmenschliche Beziehung. Wir können etwas lernen, Wissen vermitteln, wir können uns ablenken und erholen. All das ist gut und richtig, in einem gemäßigten Umfang.
Wir werden heute nicht mehr dazu gezwungen, gemeinsam mit anderen Menschen etwas zu erleben. Wir können vereinzelt in Zimmern sitzen uns uns beliefern und berieseln lassen. Wir müssen aus eigenem Antrieb, aus eigener Motivation und eigenem Wissen heraus gemeinsame Aktivitäten planen und dann auch antreten. Uns mit Freunden und Kollegen und Familie treffen. Veranstaltungen besuchen. Gemeinsam Projekte entwerfen und umsetzen. Und wir brauchen diese Dinge nicht aufzuzeichnen, um sie dann mit unbeteiligten zu teilen. Wir erleben sie gemeinsam und können uns später gemeinsam daran erinnern, und es wird uns als Freunde, als Familie, ganz allgemein als Gemeinschaft miteinander verbinden.