Drei Urteilsarten

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Die Frage nach wahr oder falsch, nach gut oder böse, nach schön oder hässlich beantworten wir stets durch ein Urteil. Wenn wir kein Urteil fällen, dann nehmen wir auch keine Wertung in diesen drei Bereichen vor. Kein Urteil zu fällen ist jedoch schwierig, denn wir tun dies auch automatisch und unbewusst. Wollen wir uns einer Sache oder Person unvoreingenommen annähern, dann müssen wir diese automatischen Urteile bemerken und bewusst beiseite legen. Wir müssen uns eingestehen, dass wir auch irren können, nur dann können wir ein bereits gefälltes Urteil ablegen und genauer hinschauen.

Die Suche nach dem Wahren bezieht sich immer auf Aussagen und Vorstellungen. Die Welt selbst kann weder wahr noch falsch sein, nur unser Urteil über sie kann zutreffen oder auch nicht. Es geht um unser Denken und unsere Worte und Begriffe. Eine Aussage enthält immer mindestens ein Urteil. Wer nicht urteilt, der kann auch nicht irren, kann weder wahres noch falsches sagen.

Die Suche nach dem Guten bezieht sich immer auf menschliche Handlungen und ihre Wirkungen. Wir beurteilen die Handlungen anderer Menschen und unsere eigenen. Auf die Zukunft blickend fragen wir uns, wie wir handeln können, damit es gut wird. Es geht um unser Wollen und unsere Taten. Wer nichts macht, der kann auch nichts falsch machen, kann weder gut noch böse sein.

Die Suche nach dem Schönen bezieht sich auf unser Gefühl. Das Urteil richtet sich nach unserer Sympathie und Antipathie. Die Welt rühmt sich weder schön noch hässlich, ein Urteil darüber fällt der Mensch anhand von Zu- und Abneigung, die wir bei der Wahrnehmung automatisch mit allen Dingen verbinden und dann spüren. Wir bringen unsere Beziehung zum Ausdruck. Es geht um unser Fühlen und unser Wohlbefinden. Wer nicht fühlt, wird auch nichts als schön bezeichnen. 

Wir können somit drei Urteilsarten unterscheiden, das sachliche Urteil, das moralische Urteil und das ästhetische Urteil. Wenn ein anderer Mensch die gleiche Sache anders beurteilt als wir, dann kann das zu Verunsicherung und Streit führen. 

Bei sachlichen Urteilen ist es üblich, sich an der Wahrnehmung zu orientieren. Dennoch ist es nicht immer leicht herauszufinden, ob eine Aussage wahr oder falsch ist. Wir können prüfen, ob sie zu den Gesetzmäßigkeiten passt, die wir kennen. Ob sie zu unserer Erfahrung passt. Ob es einen Anlass für eine bewusste Täuschung gibt. Ob Spuren hinterlassen wurden, wenn sich die Aussage auf ein zurückliegendes Ereignis bezieht. Generell gilt eine Übereinstimmung mit der Wirklichkeit als Maß für die Wahrheit. Die Gesetze des Denkens müssen beachtet werden, eine wahre Aussage kann nicht mit einer anderen wahren Aussage in logischem Widerspruch stehen. 

Bei moralischen Urteilen wird es noch schwieriger. Eine bewusste und begründete Unterscheidung von gut und böse fällt vielen Menschen schwer. Oft orientieren wir uns an Verhaltensregeln, die von Kirche oder Staat aufgestellt werden. Mit vielen Menschen werden wir uns aber darauf einigen können, dass diese Regeln nicht völlig beliebig aufgestellt werden können, ohne dass es zu Konflikten kommt. Auch hier gibt es Gesetzmäßigkeiten, die uns bei der Urteilsfindung helfen können. Übergriffigkeit, Unterwerfung und die Behinderung der Entwicklung oder freien Entfaltung eines Menschen wird oft als böse bewertet. 

Das ästhetische Urteil wird üblicherweise am ehesten als subjektiv bezeichnet. Schließlich drückt es unsere Beziehung zu etwas aus. Was wir schön finden, wird durchaus beeinflusst durch unsere gewohnte Umgebung und unser bisheriges Leben. Womit wir vertraut sind und womit wir gute Erfahrung haben, dass empfinden wir tendenziell auch als schön. Aber auch hier gibt es Gesetzmäßigkeiten. Zum Beispiel sind Proportionen und Symmetrie wie auch das Verhältnis von glatten Flächen zu Konturen nicht beliebig veränderbar, ohne einen Einfluss auf ein ästhetisches Urteil zu haben. Wer sich bei der Gestaltung an diese Gesetze hält, wird damit zumeist Sympathie beim Betrachter wecken können. 

Allerdings kann es vorkommen, dass Menschen aufgrund von inneren Konflikten auch dann ablehnend reagieren, wenn etwas allen bekannten Gesetzmäßigkeiten auf sachlicher, moralischer und ästhetischer Ebene entspricht. Innere Konflikte können dazu führen, dass wir etwas Wahres ablehnen. Dass uns etwas Gutes wütend macht. Dass wir etwas Schönes beschimpfen und nicht in unserer Nähe ertragen können. Es kann auch passieren, dass wir aufgrund unserer Erfahrung manche Eindrücke, die für sich genommen wahr, gut und schön sind, mit einer unangenehmen Erinnerung verbinden. Unser Ego, unser Stolz, unsere Arroganz und Überheblichkeit, auch unser Ehrgeiz kann unsere Empfindungen so sehr verzerren, dass wir keinen Zugang mehr finden zum Wahren, Guten und Schönen. Wir lehnen dann diese Idee ab und widmen uns ganz den Bedürfnissen unserer verletzten Persönlichkeit, unseres Selbst oder Ego, wie immer wir es nennen möchten. Das Ego strebt dann oft nach Anerkennung und Reichtum, nach Macht und Kontrolle, nach Unsterblichkeit, und ordnet diesen Zielen alles unter. Wahrheit, Güte und Schönheit spielen dann keine Rolle mehr, sind nur noch werbewirksame Worte und dienen als Mittel zum Zweck.

Wenn ein Mensch auf Erden in diesen Zustand gerät, wird er spätestens durch den Tod davon erlöst, denn Unsterblichkeit gibt es für den Körper und die Seele des Menschen nicht. Nur der Geist ist ewig, und der Mensch ist ein geistiges Wesen. Im nächsten Leben wird sich dann die Möglichkeit der Wiedergutmachung anbieten. Aber auch während eines Lebens auf der Erde ist eine Veränderung möglich. Wir bekommen immer wieder Gelegenheit, etwas zu hinterfragen, neue Gedanken tauchen auf. Wir bekommen Hilfe angeboten, und können selbst Hilfe anbieten. Wir können uns auch abgrenzen und einen Menschen Erfahrung sammeln lassen. Beides kann richtig sein. Jede Situation erfordert ein individuelles Urteil, das wir als erwachsene Menschen selbst zu fällen haben.

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