“Man kann nicht zweimal in denselben Fluss steigen.”
Heraklit
Die Welt ist in stetigem Wandel. Wir finden stets neues Wasser im Fluss. Das Flussbett wandert im Laufe der Jahrhunderte. Auch die Strömung im Fluss und sein Pegel ändert sich mit den Jahreszeiten und ist jedes Jahr ein wenig anders. Die Welt sieht jetzt anders aus als vor 50 oder 500 Jahren. Auch der Mensch hat dazu beigetragen. Allerdings ist es für den einzelnen Menschen mitunter schwierig, mit dem Wandel umzugehen. So wie die Dinge jetzt sind kommen wir zurecht, und wenn sich etwas ändert, dann könnte das womöglich tödlich für uns enden. Oder für andere. In einem vorigen Artikel bin ich auf die beiden extremen Standpunkte eingegangen, die in Bezug auf die Industrialisierung gerne eingenommen werden: Entweder, es gelingt der Menschheit, die Natur mithilfe ihrer Maschinen so zu gestalten, dass sie unter ihrer Kontrolle weiter gedeiht, oder die Menschheit wird die Natur und damit ihre eigene Grundlage mit ihren immer umfassenderen Eingriffen zerstören. Genau an dieser Frage entzündet sich eine in der heutigen Zeit sehr aktuelle Debatte, wenn auch erheblich vereinfacht und reduziert auf CO2 und einen befürchteten, dadurch bewirkten Klimawandel. Viele Menschen sind, womöglich unterstützt durch die Botschaften der Politik mit ihren Experten und Medien, zu dem Schluss gekommen, dass nicht mehr so viel des bisher in der Erde gebundenen Kohlenstoffs in die Atmosphäre gelangen darf, damit der Wandel des Klimas möglichst gering ausfällt. Der Gedanke dahinter ist klar: Landwirtschaft soll weiter so betrieben werden können wie bisher, die Küstenstädte sollen da bleiben wo sie sind. Manche Menschen treibt sogar die Sorge um, sie würden in Zukunft in nicht klimatisierter Umgebung genauso schnell verkochen, wie sie jetzt im Winter in Sibirien bei minus 50 Grad Celsius ohne Heizung erfrieren würden. Das Urteil lautet: Wird der Wandel zu stark, dann werden nicht mehr so viele oder sogar gar keine Menschen auf diesem Planeten leben können.
Angst vor Veränderung, die als gefährlich dargestellt wird, führt so zu dem Urteil, den Wandel kontrollieren zu müssen, oder auch die Welt, so wie sie jetzt ist, konservieren zu müssen. Besonders anfällig für diese Angst und dieses Bestreben sind wir, wenn wir die Welt für ein fragiles Zufallsprodukt halten, wie es die Naturwissenschaft annimmt. Aber auch dieses Urteil ist im Wandel. Der Planet Erde und die Menschheit wurde nicht immer als Zufallsprodukt beurteilt, und wird vermutlich auch in Zukunft wieder anders beurteilt werden. Unser naturwissenschaftliches Verständnis von den Kräften, welche die Planeten und das Leben auf der Erde erschaffen, ist noch immer sehr unvollständig. Solange sich die Dinge nach den Gesetzen der Physik verhalten, verstehen wir sie gut. Sobald aber etwas lebendig ist, können wir nur noch beobachten und beschreiben. Einzelne Prozesse in lebendigen Organismen lassen sich physikalisch erklären – die Existenz des Organismus als Ganzes jedoch nicht. Hier wirken Kräfte, die wir nicht mir klaren, dauerhaften Begriffen erfassen können. Mit den Naturgesetzen haben wir dauerhafte Regeln gefunden, mit denen wir den Wandel der Dinge erklären können, solange nichts lebendiges durch unvorhergesehene Tätigkeit unsere Vorhersage über den Haufen wirft. Unsere Vorstellungen von den leblosen Dingen kommen der Wirklichkeit sehr nahe. Wir können damit gestalterisch tätig sein und wissen schon im Vorhinein sehr genau, was passieren wird. Anders ist das bei lebendigen Dingen. Auch hier können wir tätig Einfluss nehmen, müssen uns jedoch oft auf empirische Erfahrung verlassen oder uns überraschen lassen von dem, was passiert. Gegenüber dem Lebendigen sind unsere Vorstellungen stets nur ein Vorurteil. Es lässt sich mit starren Begriffen nicht erfassen. Sicherlich gibt es Überschneidungen – wenn wir zum Beispiel das Holz eines Baumes zum heizen brauchen, können wir berechnen, wie viel Wärme sich daraus gewinnen lässt. Dabei beschreiben wir aber nur die unbelebten Bausteine des Baumes, und nicht das Lebendige in diesem Organismus. So wie wir die Bausteine nehmen, und daraus Dinge erschaffen, so gestaltet auch das Leben aus denselben Bausteinen seine Organismen – und es ist dieser Prozess, der für unseren Verstand mit seinen erstarrten Begriffen und Vorurteilen nicht zu durchdringen ist. Wir verstehen nicht, was passiert, wenn das Lebendige stets neu in Erscheinung tritt, und versuchen den Tod zu beherrschen. Wir werden mit unserem jetzigen Verständnis aber weder den Tod noch den Wandel bezwingen können.
Wenn wir über das Lebendige so urteilen wollen, wie wir es für alles Unbelebte erfolgreich tun, werden wir damit keinen Erfolg haben. An Urteilen halten wir gerne fest und bauen darauf auf, was gut funktioniert für das Leblose, das Erstarrte. Aber das Leben ist in ständiger Bewegung, in ständigem Wandel. Das Urteil, was wir uns gestern über einen Menschen gebildet haben, kann heute noch zutreffend sein – muss es aber nicht. Auch den Planeten, auf dem wir leben, sollten wir uns als etwas Lebendiges vorstellen. Wir glauben den Planeten Erde zu verstehen, weil wir sie als totes, lebloses Objekt begreifen und so beschrieben und behandeln. Aber damit werden wir ihr nicht gerecht. Wir müssen sie als etwas Lebendiges erkennen, auch wenn das bedeutet, dass wir dann noch sehr viel weiter davon entfernt sind, sie verstehen zu können.